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Gut aufgelegt, aber auch mit ernsten Untertönen

Das Central-Kabarett schoss ein Feuerwerk an Gags ab, das den Zuschauern der Langen Kabarett-Nacht die Luft zum Atmen nahm.
Das Central-Kabarett schoss ein Feuerwerk an Gags ab, das den Zuschauern der Langen Kabarett-Nacht die Luft zum Atmen nahm. FOTO: Thoralf Haß/ths1
Forst. Die "Lange Nacht des Kabaretts" im Klein Jamnoer "Kuckuck" ist so begehrt, dass zur achten Auflage sogar die Sitzordnung verändert wurde: Statt Klubatmosphäre mit Vierer- und Sechser-Tischen gab es Stuhlreihen. So hatten 104 erwartungsfrohe Zuschauer ausreichend Platz für die Show, durch die MDR-Hörfunk-Moderatorin Ilka Hein führte, die selbst auch auf Kleinkunstbühnen unterwegs ist. Thoralf hass / tfs1

Im "Kuckuck" brachte sie alte Hits von ABBA mit neuen Texten zu Gehör. "Mamma Mia" wurde mit gesanglicher Unterstützung des Publikums zum Gebet einer Frau, die mit einem Verlierer als Ehemann bestraft ist.

André Bautzmann und Robert Günschmann vom Leipziger Central-Kabinett hatten die Sympathien des Publikums, kaum dass sie auf der Bühne waren. Ihr "Warm up fürs Burnout" ist eine Mischung aus Politkabarett, Parodie und Gesang, in der sie sich über jeden und alles lustig machen. Im Stile von "Dinner for One" feuerten sie als Wahrsagerin und deren Butler ein Feuerwerk an Gags ab, dass den Zuschauern kaum Luft zum Erholen blieb.

Besinnlicher wurde es bei den Auftritten von Liese-Lotte Lübke aus Hannover. Sie bezeichnet sich selbst als "Klavier-Kabarettistin"". Mit witzigen Texten, jedoch mit ernstem Unterton brachte sie ihre Erlebnisse auf dem Amt zu Gehör. Fast schon balladenhaft wurde es beim Lied um einen Traumfänger, der nachts in die Schlafzimmer eindringt und den Menschen ihre Träume stiehlt. Auch über unehrliche Höflichkeitsbekundungen sang Liese-Lotte Lübbke und ihre eigenen Befindlichkeiten und Depressionen.

Songs ganz besonderer Art verspricht Lennart Schilgen aus Berlin: "Ich spiele heute für Sie Protestsongs, weniger solche, die zur Revolution aufrufen, sondern eher im Sinne von ,Och menno!'" Passend dazu singt Schilgen den "Liegenbleiber-Blues", ein Lied über einen Typen, der es bevorzugt, das Leben etwas ruhiger anzugehen. "Ich bin Shouter in einer Black-Metal-Band, ich bin lauter als jedes Musikinstrument", verkündet Lennart Schilgen anschließend voller Inbrunst und mit weinerlicher Stimme, sehr zum Gefallen der Zuschauer. Überhaupt stehen Schilgens Lieder, die textlich oft eine überraschende Wendung nehmen, im totalen Kontrast zu seiner Mimik und Gestik. So auch im "Protestsong Brecht'scher Prägung" gegen die Entschlossenheit.

Es war schon nach Mitternacht, als alle Künstler noch ein letztes Mal auftraten, um sich von ihrem Publikum zu verabschieden. Das Central-Kabarett nahm sich den Geburten-Rückgang zum Thema und präsentierte in Nachrichtenform das Aussterben der Deutschen - die Eröffnung des Berliner Flughafens verzögert sich übrigens weiter, weil mittlerweile Wölfe und Braunbären das Gelände besiedelt haben. "Das alles und noch viel mehr, würde sein, wenn die Welt ohne Deutschland wär'" besingen die beiden Kabarettisten in Anlehnung an Rio Reisers Hit "König von Deutschland", was alles passiert wäre, hätte es die Deutschen nie gegeben.

Liese-Lotte Lübke bleibt es vorbehalten, kurz vor halb Eins den Abend zu beschließen. Mit ihrem Lied vom Schwan, der in einer Straußenfarm aufwächst, endet nach fünf Stunden ein Marathon der guten Laune mit viel hintergründigem Humor, albernen Wortspielen und gut aufgelegten Künstlern, die aber auch die Klaviatur der ernsten (Unter-)Töne beherrschen.