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| 17:14 Uhr

Jubiläum
Ein „bunter Hund“ wird 100

Der fast 100-jährige Günter Seelig, hier mit seinen Trikots von Energie Cottbus und dem Stefan-Schäfer-Fanclub, ist auch großer Sportsfreund.
Der fast 100-jährige Günter Seelig, hier mit seinen Trikots von Energie Cottbus und dem Stefan-Schäfer-Fanclub, ist auch großer Sportsfreund. FOTO: Steffi Ludwig / LR
Forst. Der Forster Günter Seelig feiert am Sonntag – ein Leben zwischen Dächern und Sport. Von Steffi Ludwig

Immer einen verrückten Spruch und ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen – so ist Günter Seelig bekannt. „Unkraut vergeht nicht, oder?“, sagt er angesichts seines anstehenden Geburtstages. „Ich kann es nicht fassen, dass ich schon 100 werde.“ Und so wirkt er auch beileibe nicht. „Ich lese und schreibe alles ohne Brille“, betont er – und hat damit bessere Augen als seine Tochter Rosemarie Gerhard (70), der er gelegentlich aus der RUNDSCHAU vorliest. Mit ihr und deren Mann lebt er in einem Haus in Noßdorf und unternimmt hier täglich einen größeren Spaziergang. Das Radfahren habe sie ihm seit Oktober 2017 verboten, berichtet Rosemarie Gerhard. Da war der 99-Jährige gestürzt.

Günter Seelig hat ein arbeitsreiches und sportbegeistertes Leben verbracht – und das soll am Sonntag im Groß Jamnoer „Urwald“ groß gefeiert werden. „Ich bin ja schließlich bekannt wie ein bunter Hund“, sagt der Jubilar schmunzelnd. Viele Jahre hat der gelernte Zimmermann an bedeutenden Bauwerken der Region mitgearbeitet. So habe er 1938 die Autobahnbrücke in Forst mit eingeschalt und betoniert. Nach dem Krieg habe er zunächst bei kleinen Firmen in Groß Jamno und Forst gearbeitet, bevor er zu Hochbau Cottbus kam. In der Lausitz-Metropole habe er an vielen Häusern und deren Dachkonstruktionen mitgewirkt: am Gebäude der RUNDSCHAU, an der Stadthalle, am Konsument-Kaufhaus. Auch für das „Sternchen“, die Mocca-Milch-Eisbar, habe er die Dachstühle gebaut. „Da war er besonders traurig, als es abgerissen wurde, da die Konstruktion so aufwendig war“, erzählt seine Tochter.

Bis zum Alter von 66 Jahren habe er gearbeitet, aber auch danach nicht die Hände stillhalten können, so Rosemarie Gerhard. So habe er in der Region vielen geholfen, Gerüste oder Gartenzäune aufzustellen, habe sein Wissen auch gern an Jüngere weitergegeben. Bei der Bahn habe er zudem eine Zeit als Heizer gearbeitet.

Geboren wurde Günter Seelig in Sonnenburg, dem heutigen polnischen Slonsk. Dort wurde er gar 1931 Zeuge des letzten Ritterschlags, denn in Sonnenburg war der Sitz der Balley Brandenburg des Johanniterordens. Ein Ereignis, das sich in sein Gedächtnis gebrannt hat, ebenso wie seine Fahrt mit dem Fahrrad 1936 zu den Olympischen Spielen nach Berlin. Stark beeindruckt haben ihn auch die minus 56 Grad, die er beim Russlandfeldzug der Wehrmacht erleben musste. 1946 sei er dann aus russischer Kriegsgefangenschaft ausgebüxt – und über Umwege zurück nach Groß Jamno gekommen. Denn hier hatte er bereits 1938 seine Frau beim Tanz im „Urwald“ kennengelernt und 1944 beim Heimurlaub auch dort geheiratet.

Zwei Kinder wurden geboren, Sohn Manfred starb leider mit 40 Jahren. Günter Seeligs Frau wurde 88 Jahre alt. Aber da sind ja noch die zwei Enkel, drei Urenkel und ein Ururenkel. Und die Begeisterung für den Sport: So stand der 99-Jährige nicht nur vergangenes Jahr wieder in seinem grünen Stefan-Schäfer-Fan-Trikot an der Forster Radrennbahn – der erfolgreiche Steher-Fahrer ist schließlich der Lebensgefährte von Urenkelin Jana Jäckel. Und auch die Spiele von Energie Cottbus verfolgt er immer, bis vor zwei Jahren auch im Stadion. „Energie spielt wie noch nie!“ – da ist er wieder, einer von Seeligs Sprüchen. Sein Geheimrezept? Jeden Tag eine Zehe Knoblauch zum Frühstück, viel Obst, Bewegung und Interesse dafür, was in der Welt passiert.

Auch für das „Sternchen“ in der Cottbuser Stadtpromenade hat Günter Seelig die Dachkonstruktion mit gebaut. 2006 wurde es abgerissen.
Auch für das „Sternchen“ in der Cottbuser Stadtpromenade hat Günter Seelig die Dachkonstruktion mit gebaut. 2006 wurde es abgerissen. FOTO: M. Behnke