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Groß Schacksdorf
Ratlosigkeit in der Waldsiedlung

In diesem Haus in der Waldsiedlung Groß Schacksdorf wurde das 13-jährige Mädchen am Sonntag von der Polizei aus der Wohnung der Mutter geholt.
In diesem Haus in der Waldsiedlung Groß Schacksdorf wurde das 13-jährige Mädchen am Sonntag von der Polizei aus der Wohnung der Mutter geholt. FOTO: Katrin Kunipatz / LR
Groß Schacksdorf. Ein spektakulärer Fall scheint alle Klischees über die einstige Armeesiedlung zu bestätigen. Doch Jugendamt und Bürgermeister sehen trotz der Polizeiaktion eine positive Entwicklung. Von Katrin Kunipatz

Die Waldsiedlung in Groß Schacksdorf ist wieder in den Mittelpunkt des Medieninteresses gerückt. Schon am Montag fing der RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg) Bilder ein. Am Dienstag war ein dreiköpfiges Team für RTL und n-tv in der ehemaligen Armeesiedlung unterwegs. Anlass ist ein vermuteter sexueller Missbrauch eines heute 13-jährigen Mädchens, der sich hier ereignet haben soll (die RUNDSCHAU berichtete).

Das Kind war am Sonntag von der Polizei in der Wohnung der Mutter und deren Lebensgefährten gefunden worden. Es war fast sechs Monate zuvor in Cottbus verschwunden. „Das Mädchen ist jetzt in der Obhut des Jugendamtes“, sagt Marlen Knobloch, Sachgebietsleiterin Sozialer Dienst. Zum Schutz des Kindes könne sie keine Einzelheiten mitteilen. „Die Berichterstattung ist schon jetzt katastrophal für das Mädchen“, so Knobloch.

Insgesamt hat sich die Situation der gefährdeten Kinder im Landkreis verbessert. Marlen Knobloch berichtet, dass seit drei Jahren in allen vier Sozialräumen die Zahl der Meldungen, Inobhutnahmen und Hilfen zur Erziehung gesunken seien. „Der Familientreff in Groß Schacksdorf ist gut angenommen“, sagt sie. Hinsichtlich des präventiven Kinderschutzes arbeite die Sozialarbeiterin gut. Der Fall der 13-Jährigen hat jedoch nur bedingt etwas mit der Arbeit des Spree-Neiße-Jugendamtes zu tun. Das Mädchen stammt aus Berlin und lebte seit zwei Jahren in Cottbus im Kinderheim. Erst im Februar hatte der Kreis vom Berliner Jugendamt die Unterlagen erhalten. Durch den Aufgriff in Groß Schacksdorf ist nun das Jugendamt Spree-Neiße zuständig.

Die Waldsiedlung selbst liegt an diesem Vormittag fast wie ausgestorben in der Sonne. Nur die Vögel singen laut zwitschernd gegen den kalten Wind an, der um die Häuserblocks weht. Nur ab und zu rollt ein Auto über die Hauptstraße. Ein Anwohner – unterwegs zu seinem in die Jahre gekommenen Kleinwagen – berichtet, dass es sich eigentlich ganz gut wohne in der ehemaligen Armeesiedlung. Er selbst sei wegen der günstigen Mieten vor drei Jahren hierher gezogen. Und über den jetzigen Verwalter könne er  sich nicht beklagen.

Die Wohnung, aus der die Polizei am Wochenende das seit einem halben Jahre verschwundene Mädchen holte, liegt im Gebäude schräg gegenüber. Den Einsatz am Sonntag habe er mitbekommen. „Es war laut“, berichtet er, „als ob jemand auf Metall schlug“. Dann sei noch ein Schrei zu hören gewesen. Das Paar, bei dem die Polizei das Kind fand, kenne er nicht, so der Schacksdorfer.

„Überhaupt gibt es viele Wechsel in der Siedlung“, sagt er. „Nicht immer ist klar, wer hier wohnt, zu Besuch ist oder eine neue Wohnung besichtigt.“ Ein anderer älterer Herr, der aus dem Fenster eines Wohnblocks an der Hauptstraße schaut, bestätigt es. Er sei beruflich oft unterwegs. „Wenn ich zurückkomme, ist wieder jemand weggezogen oder verstorben“, erzählt er. Als er vor fünf Jahren in die Waldsiedlung gezogen sei, gab es hier noch viele Familien mit Kindern. Etliche seien weggezogen, es blieben die älteren Leute.

Dies will Bürgermeister Wolfgang Katzula nicht bestätigen. „Die Altersstruktur in der Waldsiedlung entspricht der in den dörflichen Ortsteilen“, sagt er. Katzula berichtet, dass die Zahl der Einwohner zurückgegangen ist. Vor zwei Jahren lebten 640 Menschen in der Waldsiedlung, heute sind es 420. Im Amtsausschuss am Montag zeigte sich der Bürgermeister überrascht und verärgert, dass es im Vorfeld des Polizeieinsatzes keine Information an die Gemeinde gab. Erfahren habe er davon nur durch den Buschfunk.

Katzula bedauert weiterhin, dass die Gemeinde nicht erfährt, wer in der Siedlung wohnt. In den anderen Ortsteilen Groß Schacksdorf, Simmersdorf und Siedlung kennen sich die Nachbarn oft über Generationen hinweg. Und doch habe sich in der Waldsiedlung in den zurückliegenden zwei Jahren viel zum Positiven entwickelt, so Wolfgang Katzula. „Aber diese Geschichte haut uns wieder zurück“, sagt der ehrenamtliche Bürgermeister.