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Gold für ein Kegel-Urgestein

Traudel Göldner ist ein Urgestein des Friedrichshainer Kegelsports. Sie schafft noch immer alle Neune und trainiert die Muskeln im Fitnesscenter. Jetzt überreichte ihr der Landessportbund seine Ehrennadel in Gold.
Traudel Göldner ist ein Urgestein des Friedrichshainer Kegelsports. Sie schafft noch immer alle Neune und trainiert die Muskeln im Fitnesscenter. Jetzt überreichte ihr der Landessportbund seine Ehrennadel in Gold. FOTO: Annett Igel-Allzeit
Friedrichshain. Tief runter muss ich mit der Kugel, damit sie sich gut auf die Bahn setzen lässt. Und dann ganz weit nach vorn. Annett Igel-Allzeit

"Lenken sollen die Kugel", so Gertraud Göldner, "alle vier Finger und der Daumen." Schnell ist die 79-Jährige, die alle Traudel nennen, in ihre leichten Turnschuhe geschlüpft. Offiziell kegelt sie nur noch einmal im Monat mit den Frauen der Volkssolidarität. Aber wenn sie die Versorgung der Spieler geschafft hat und mit ihren Tipps auf der Bahn landet, kribbelt es. Sie greift in den nassen Schwamm und dann eine Kugel. "Ich brauche immer eine feuchte Hand beim Kegeln", erklärt sie.

Traudel Göldner ist ein Urgestein des Friedrichshainer Kegelsports. Aber angesichts der Geschichte dieser Sektion im BSV Grün-Weiß Friedrichshain, war es auch schwer, an dieser Sportart vorbeizukommen. Seit 1909, so hat es der Heimatkundler und Lehrer Rolf Müller (1934 bis 2008) festgehalten, wird in Friedrichshain gekegelt.

1949 schoben erstmals Friedrichshainer Frauen die Kugel über die Asphaltbahn. Kegler sollen 1950 zum ersten Kostümfest eingeladen haben - die Wiege des Friedrichshainer Karnevals. 1954 wurde die neue Kegelbahn, die Wettkämpfe gestattete, eingeweiht. 1958 konnten die Kegeldamen über ihren 1. Platz in den Deutschen Mannschaftsmeisterschaften jubeln. "Da war ich 20", erzählt Traudel Göldner. Schon im Schulsport war die Kleine aufgefallen. "Ich war erst bei den Turnern in Döbern." Auf der Kegelbahn hat sie mit 14 Lenzen Kegel aufgestellt. "Unter den Männern gab es schon damals Kegler, nach deren Treffern die Kegel aufflogen. Aber die Gefahr lohnte sich: Einen Pfennig pro Kegel und eine rote Brause bekamen wir", erinnert sich Traudel Göldner. Bald stand sie vorn und hatte als Aktive der Damen-Mannschaft Anteil an den Erfolgen auf Landesebene.

Im Berufsleben war sie Verkäuferin. "Bei HO in Döbern habe ich Textilien verkauft und war zehn Jahre Verkaufsstellenleiterin. Donnerstags bekamen wir immer Ware, da wartete eine lange Schlange vorm Geschäft. Als wir von dieser Schlange mal ein Foto machen lassen wollten, habe ich Ärger mit der Stasi bekommen. Die hatten den Verdacht, dass ich das Foto in den Westen schicken wollte", erinnert sich Traudel Göldner.

Der Sport und das Vereinsleben taten und tun ihr gut - sie ließ sich für den Vorstand gewinnen. "Mit der Familiengründung musste ich den Sport nicht aufgeben, denn mein Mann war auch Sportler: Rudolf Göldner, ein guter Fußballspieler im Mittelfeld." Die Urkunde vom Kegel-Landespokal der Damen in der DDR 1976 hängt noch im Vorraum der Friedrichshainer Kegelbahn, dazu viele Fotos und die Vitrine voller Pokale. Denn erfolgreich blieben sie auch nach der Wende. 2004 hatten sich die Damen des BSV Grün-Weiß Friedrichshain um Trainerin Traudel Göldner auf Platz drei in der Landesliga gekämpft.

Packend war 2005 das Aufstiegsturnier in Markranstädt. Gegen die erfahreneren Keglerinnen aus Sachsen-Anhalt und Sachsen schaffte es das sehr junge Friedrichshainer Team noch nicht. Aber Lothar Roick schrieb den Frauen ein "Auf ein Neues, Mädels!" in den Sportbericht.

Am 7. Oktober kommt nun der Bundesligist Markranstädt nach Friedrichshain. Seit im Vorjahr die Kegel-Aufstell-Technik mit Fördermitteln vom Landessportbund erneuert wurde, dürfen in Friedrichshain wieder Bundesliga-Spiele laufen, sagt Bruno Roggenkamp, Informationstechniker der Kegler. Traudel Göldner hat sich den Termin eingetragen. Sie wird sich wieder mit um die Versorgung kümmern. Als ihr vor einer Woche Carola Wiesner, 1980 Weltmeisterin im Fallschirmspringen, als Präsidialmitglied des Landessportbundes die Ehrennadel in Gold für Verdienste um den brandenburgischen Sport überreichte, konnte Traudel Göldner die ganze Nacht danach nicht schlafen. So groß ist ihr Kopfkino Kegelsport.