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| 01:06 Uhr

Glückliche Heimkehr nach bangen Tagen

Tauer/Sri Lanka.. So hatten sich Detlef Huschga und seine Freundin Denise Pöschick aus Tauer ihren Südseeurlaub wahrlich nicht vorgestellt: Erst beschäftigte sie seit dem 14. Dezember tagelang ein Diebstahl, dann überraschte sie am zweiten Weihnachtstag beim Frühstück in ihrem Hotel die Flutwelle. Doch die beiden jungen Leute hatten Glück im Unglück und traten vier Tage später unverletzt die Heimreise an. Von barbara remus

Es klingt nach Ironie des Schicksals: Ihren Urlaub auf Sri Lanka hatten Detlef Huschga und Denise Pöschick so gelegt, dass sie der Silvesterfeierei hierzulande entgehen – vom 13. Dezember 2004 bis 3. Januar 2005. Doch es kam anders in einer Art, die keiner auch nur ahnen konnte.
Als die beiden jungen Leute am 13. Dezember ihr Strandhotel in Hikkaduwa – etwa 150 Kilometer südlich von Colombo und etwas nördlich von Galle – bezogen, störte sie es, im ersten Stock mit schlechter Sicht Quartier zu haben. „Es war möglich, am nächsten Tag ins Parterre zu ziehen, mit einer Terrasse vor dem Zimmer und Blick auf den Hotelhof mit Pool und aufs Meer“ , sagt Detlef Huschga. In Sunils Beach Hotel wollten sie die drei Urlaubswochen verbringen. Mit 30, 35 Grad Celsius, Sonnenschein und strahlend blauem Himmel ließ sich auch alles gut an.
Noch in der ersten Woche unternahmen Huschga und seine Freundin einen dreitägigen Ausflug in die Berge. Gemeinsam mit fünf anderen Urlaubern besichtigten sie eine Teeplantage, eine Teefabrik, ein Elefantenwaisenhaus, den Königsfelsen und einen Gewürzgarten. Am 18. Dezember waren alle mit überwältigenden Eindrücken und zahlreichen Fotos wieder zurück. Tags darauf begann der Ärger. Aus ihrem Holzsafe im Hotel war einer ihrer beiden 100-Euro-Scheine (sonst hatten sie nur Traveller-schecks dabei) verschwunden. Im Handumdrehen machte diese Nachricht im Ort die Runde mit dem Erfolg, dass ein französisches Ehepaar den Verlust von 3000 Rupien entdeckte. Bald wurde offenbar, dass schon öfters Geld von Touristen, jedoch meist kurz vor deren Abreise, verschwunden war. Hotelmanager, der Hotelbesitzer in Colombo, Polizei und Reisebüro wurden verständigt. Die ganze Sache zog sich jedoch bis zum Abend des 23. Dezember hin, ehe der Reiseleiter das Geld erstattete.

Zünftige Weihnachtsfeier
In der Zwischenzeit hatte sich das Hotel, das viele deutsche Stammgäste hat, immer mehr gefüllt. Am Abend des 24. Dezember traf auch die vielköpfige Familie des Hotelbesitzers ein, und es gab im Hotelgarten ein großes Buffet samt Weihnachtsmannbesuch. Mit einem kleinen Einkaufsbummel und aalen am Strand und im Hotelgarten verging der erste Weihnachtstag. Ein geplanter Barbesuch am Abend fiel aus, weil die Bar geschlossen hatte. Am zweiten Weihnachtstag wollten Detlef Huschga und seine Freundin gemeinsam mit anderen Touristen in Richtung Galle laufen. „Gut, dass wir deswegen nicht so lange geschlafen hatten“ , sagt Detlef. „Blauer Himmel, blaues Meer, die Temperaturen gingen schon hoch. Aber nach zwei Wochen schaute man nicht mehr permanent aufs Wasser. Wir hatten gerade das Frühstück vom Buffet geholt, da rief jemand etwas. Automatisch guckten wir nach draußen. Da stand das Wasser schon bis an den Zaun des etwa 80 Meter vom Strand entfernten Hotels. Der Strand war bereits komplett weg. Ich dachte: Ach so, es soll ja Vollmond sein. Und da steigt das Wasser hier immer so um ein bis zwei Meter. Da schwappte es wieder. Es hörte sich an, als kippe jemand nach und nach einen vollen Eimer aus. Beim zweiten Mal war der Zaun verschwunden, beim dritten Mal der Pool im Hof, dann stand das Untergeschoss unter Wasser. Und es war nichts mehr zu hören. Das Meer kam einfach hoch“ , erzählt Detlef Huschga, als wenn er alles noch einmal erlebt. Und weiter: „Keiner rührte sich, auch von den Einheimischen nicht, alle standen nur auf der Terrasse. Es war so unreal: Blauer Himmel und Sonnenschein und das Wasser schoss durch die unteren Hotelräume.“ Dem gestandenen Berufsfeuerwehrmann fiel plötzlich ein, dass die Statik des Gebäudes leiden könnte. Und seine Freundin, die freiwilliges Feuerwehrmitglied ist, rief, dass man in den Seitentrakt des H-förmigen Hotels müsse, weil der mit der schmalen Seite zum Meer steht. Plötzlich schoss ein riesiges Fischerboot mit großem Seitenausleger von links nach rechts am Hotel vorbei.
Etwa fünf bis sieben Minuten, so schätzt Detlef Huschga ganz vage, dauerte der erste Ansturm der Flut. Langsamer floss das Wasser wieder ab. Als die beiden Taueraner dann in ihr Zimmer im Parterre rannten, retteten sie aus dem Chaos, das das wirbelnde Wasser angerichtet hatte, noch zwei Koffer. Wenig später mussten sie und andere Hotelgäste wieder in den ersten Stock spurten, weil das Wasser nochmals kam. Mindestens zehnmal, so schätzt Detlef Huschga, wiederholte sich die Szenerie. Inzwischen hatten Hotelbewohner Schnittwunden an den Beinen erlitten. Eine Familie mit zwei Kindern, die im Zimmer eingeschlossen war, wurde gerettet. Beunruhigende Nachrichten, unter anderem von der zerstörten Küstenstraße nach Galle und von Toten, machten die Runde. Die Rede war auch von einer zweiten Flutwelle, die gegen 14 Uhr eintreffen sollte. Da kam Panik auf. Gegen 13 Uhr konnten die Touristen endlich das verwüstete Hotel verlassen. Eine Frau suchte aufgelöst nach einem Antibiotikum für ihren Mann, das vom Wasser weggespült worden war. Doch alle retteten sich zunächst auf einen Berg unweit des Hotels. Durch die Mönche im dortigen Tempel erfolgte die erste Versorgung mit Wasser und Nahrung. Eine Mutter drohte zu verzweifeln, weil ihre beiden Kinder, acht und zehn Jahre alt, am Strand verschwunden waren. Eine beherzte Suchaktion von einer kleinen Gruppe Einheimischer führte zum Erfolg. Ein singhalesischer Junge hatte die Kinder gerettet.

Die zweite Flutwelle
Gegen 15 Uhr weitete tatsächlich eine zweite Flutwelle das Drama aus. Wer auf dem Berg war, versuchte per Handy Angehörige oder Freunde zu benachrichtigen. Doch nur das Mobiltelefon eines Amerikaners funktionierte. Er stellte es bereitwillig allen zur Verfügung, die es brauchten. Detlef Huschga erreichte zuerst seine Schwester. „Sie ist am Telefon fast zusammengebrochen. Ich musste alles zweimal sagen – dass es uns gut geht und sie den anderen Bescheid sagen soll.“

„Wir wollten nur noch weg“
Die Nacht zum 27. Dezember, mit 43 Leuten in einem Raum, in dem nur der lauteste Schnarcher wirklich schlief, war ein einziges Gewusel. Und da wahrscheinlich der Wind gedreht hatte, war das Meer überlaut zu hören und schürte neue Ängste bei Einheimischen wie Touristen. Das Frühstück fiel schmal aus, weil die Mönche für so viele Menschen nicht bevorratet waren. „Und die einfachen sanitären Anlagen waren vollkommen überfordert. Wir wollten nur noch weg“ , gesteht der 39-Jährige.
Der Zufall wollte es, dass er und seine Freundin vor Ort die Bekanntschaft eines einheimischen Lufthansapiloten machten, mit dem sie gemeinsam mit anderen am späten Abend des 27. Dezember bis in die Nähe des Flughafens in Colombo fahren konnten. Zwei Hotelübernachtungen vergingen noch, und einiger Stress war auf dem Flughafen zu überstehen, bis ihr Flugzeug am 30. Dezember nach München startete.
Und in Berlin-Tegel erwartete sie gegen Mittag bereits Detlefs Bruder Gernot. Noch am Abend desselben Tages berichteten Detlef und Denise der ganzen Familie von ihren Erlebnissen, und Detlef war sich sicher: „Ich habe noch nie so oft in meinem Leben gebetet, wie seit dem 26. Dezember.“ Am 31. Dezember um 16.30 Uhr stand für ihn der Gottesdienst in der Taueraner Kirche auf dem Terminplan.