| 02:38 Uhr

Gestohlener Traktor bremst OE 65

Der im Schotterbett nahe Görlitz abgestellte und zuvor gestohlene Traktor beschädigt den Odeg-Triebwagen erheblich.
Der im Schotterbett nahe Görlitz abgestellte und zuvor gestohlene Traktor beschädigt den Odeg-Triebwagen erheblich. FOTO: bpi
Görlitz/Cottbus. Notbremsung, lauter Aufprall und lang anhaltendes Bremsgeräusch – das Triebfahrzeug des OE 65 kollidiert Montagfrüh kurz vor 4 Uhr mit einem im Gleisbett abgestellten Traktor. Zwei Reisende kommen bei dem Unfall mit der gestohlenen Landmaschine nahe Görlitz mit dem Schrecken davon. Christian Taubert

Der Triebfahrzeugführer des Frühzuges von Görlitz nach Cottbus mit Halt in Spremberg wird am Montagmorgen zu einer Notbremsung gezwungen. Kurz vor 4 Uhr nimmt er einen am Gleis stehenden Traktor wahr. Der OE 65 fährt in der Höhe Emmerichswalde etwa Tempo 100. Die Kollision mit der im Schotterbett festgefahrenen Landmaschine ist unvermeidlich. Der gestohlene Traktor wird ein paar Hundert Meter mitgeschliffen, ehe der Zug zum Stehen kommt. Zwei Insassen und der Triebfahrzeugführer kommen mit dem Schrecken davon.

"So etwas ist bisher noch nicht vorgekommen", räumt Odeg-Geschäftsführer Arnulf Schuchmann gegenüber der RUNDSCHAU ein. Offenbar habe sich der Täter im Schotterbett festgefahren und deshalb das Diebesgut einfach stehen lassen. Die Bundespolizei bestätigt diese Angaben und geht von einem Sachschaden von rund 100 000 Euro aus. Schuchmann verweist auf Beschädigungen an Fahrgestell und Rahmen, die zur aufgerissenen Fahrzeughülle hinzukämen. Er gehe deshalb etwa von der doppelten Schadenssumme aus.

Die Landmaschine vom Typ Case ist nach Angaben der Bundespolizei in einer Bio-Methangas-Anlage in Kunnersdorf entwendet worden. Als Tatzeitraum komme die Spanne von Sonntag 12 Uhr bis zum Aufprall infrage, erklärt der Pressesprecher der Bundespolizeiinspektion Ludwigsdorf, Michael Engler. Offenbar hätten der oder die Täter versucht, mit dem Traktor über das Eisenbahngleis unerkannt zu entkommen. Bei diesem Versuch sei das Fahrzeug unmittelbar am Gleiskörper stecken geblieben. "Zum Glück", sagt Schuchmann, "da der Traktor sonst durch die Luft geschleudert worden und der Schaden noch viel höher ausgefallen wäre."

Während der Eigentümer des Traktors erst am Montagmorgen den Verlust seines Schleppers bei der Polizei angezeigt hatte, waren die Ermittlungen zum Unfallhergang und zum Diebstahl bereits angelaufen. Dass die gestohlene Landmaschine ein polnisches Nummernschild trug, habe nach Auskunft von Michael Engler nichts mit dem vermeintlichen Ziel der Fahrt mit dem Diebesgut zu tun. "Der Traktor ist auf einen polnischen Subunternehmer zugelassen", erklärt Michael Engler.

Der Unfall und die notwendigen Ermittlungen vor Ort hatten zur Folge, dass die Strecke vollständig gesperrt werden musste. Damit sei es zu zahlreichen Zugausfällen in beiden Richtungen gekommen, so die Bundespolizei. Erst um 10.27 Uhr wurde die Strecke wieder freigegeben.

Zuvor, so Schuchmann, habe die Odeg versucht, die Einschränkungen für die Fahrgäste durch Schienenersatzverkehr und eine Ausweichstrecke über Dresden erträglich zu halten. Der erste reguläre Zug fuhr um 11.44 Uhr wieder. "Ein solcher Vorfall ist kaum zu kompensieren. Wir waren bemüht, den Nachmittagsverkehr für Schüler und Pendler wieder herzustellen", sagt Schuchmann.

Unterdessen haben Bundespolizei und Kriminalpolizei Ermittlungen wegen des Verdachts des gefährlichen Eingriffes in den Bahnverkehr und wegen des Verdachts des Diebstahls aufgenommen.

Zum Thema:
Leidtragende des Unfalls zehn Kilometer vor Görlitz waren auch zahlreiche Bahnreisende auf dem Bahnhof in Weißwasser. "Vor allem Pendler und Schüler harrten stundenlang aus, bis der Schienenersatzverkehr in Gang kam", berichtet Cindy Bläck vom DB-Reisecenter. Per Bus wurden die Fahrgäste in Richtung Cottbus oder Görlitz gebracht. "Um 11.36 Uhr fuhr der erste Zug bis Horka. Dort mussten sie in den Bus umsteigen. Per Bahn ging es ab Weißwasser erst wieder ab 12.25 Uhr nach Cottbus." Bis auf einen Mann hätten aber alle Reisenden Verständnis gezeigt.