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Gedanken übers Wendsche

Spree-Neiße. Die Zeit um Ostern ist voll mit Bräuchen, von denen viele auf sorbisch/wendische Traditionen zurückgehen. Aber wie viel Wendsches ist noch dabei? Vertreter der Domowina haben den Rahmen kürzlich bei der Stadtverordnetenversammlung in Forst sehr weit gefasst – und dabei teils schroffe Reaktionen geerntet. Jürgen Scholz

Domowina-Regionalsprecherin Ute Henschel bemühte sich redlich, den Stadtverordneten in Forst anhand verschiedener Quellen zu belegen, wie stark die wendischen Wurzeln in dem Gebiet der Stadt seien. Zur Lektüre gab sie ein kleines Heft mit, in der von Quellen der Regionalgeschichte bis hin zu den heutigen zweisprachigen Schildern alles aufgeführt war, was irgendwie der Sache dienlich erschien. Vielleicht ein bisschen zu viel des Guten, wenn auch zweisprachige Postleitzahlverzeichnisse der Jahre 1989 und 1993 angeführt werden.

Ohnehin muss eine Kontinuität vorgewiesen werden, die die letzten 50 Jahre zurückreicht. Das betrifft zwei von vier Faktoren: sorbisch/wendische Geschichte, die sich auch in Familien- und Flurnamen ausdrücken kann, Einwohner, die sich zu ihrer Herkunft bekennen, sorbisch/wendische Kultur und Vereine oder die Sprache, die sich im öffentlichen Raum wiederfindet, aber auch in Familien, Bräuchen oder zu anderen Anlässen gesprochen wird. Der Grad der Sprachbeherrschung ist nicht relevant. Die einfachsten Hinweise sind natürlich die Orts- oder Familiennamen. Keune als Chojna, die Pferdezüchtersiedlung, Nowka oder Noack, als der Neue oder Neumann, Krautz als der Schneider oder Kochan als der Verliebte sind einige Beispiele. Osterfeuer und Maibaumaufstellen werden als wendische Bräuche aufgeführt, sind aber auch in anderen Regionen so allgegenwärtig, dass sie kaum als typisch sorbischer Brauch wahrgenommen werden. Beim Zampern und der Fastnacht ist es schon etwas anderes. Und selbst wenn das Osteierbemalen überall gepflegt wird, die besondere Beziehung zum Ei mit den filigranen Verzierungsmethoden oder aber das Waleien sind schon Besonderheiten, die auch hier zu Ostern gehören.

Vielleicht in den Dörfern, haben einige Forster Stadtverordnete in der Diskussion bemängelt. Aber nicht in der Stadt. Was in der Aussage gipfelte: "Forst ist deutsch." Das Wendsche war als Erstes in den Städten zurückgedrängt worden, die Stadt ist durch ihre Ortsteile gewachsen. Wo verläuft also die Grenze? Vor allem in Forst, wo mit Horno nah am Zentrum ein Ortsteil hinzugekommen ist, der nahezu als sorbisches Bilderbuch-Dorf galt - und noch immer gilt. Und man dadurch auch zur Frage kommt, was Minderheitenschutz bedeutet. Nämlich die Akzeptanz, dass in einem Staat nicht nur Menschen einer Nationalität leben, sondern das Gebiet eine wechselhafte Geschichte hat. Dass Minderheiten geschützt und in einem gewissen Maß auch gefördert werden, damit sie ihre Kultur, Sprache und Tradition erhalten können. Dabei muss nicht jeder Zamperer bekennender Sorbe sein - die Bräuche, Sprachen und Gepflogenheit haben sich über Jahrhunderte vermengt. Die Vielfalt, die daraus entstanden ist, macht die Region zu etwas Besonderem. Und wenn es in der unvermeidlichen Frage von Besuchern der Lausitz endet, warum denn hier die Ortsnamen auch in Polnisch aufgeschrieben sind.

Man kann also über Vieles diskutieren. Und fragen: Wem schadet es?

In allen Gemeinden des Amtes Peitz und in der Stadt Peitz selbst wurde das Bekenntnis zum Siedlungsgebiet bereits zwischen 1994 und 1999 in allen Hauptsatzungen festgeschrieben.