| 18:27 Uhr

Für ein Jahr rechte Hand des Chefs

Seit einem knappen Jahr lebt der 18-jährige Gerhard Wirth aus Landshut in Jocksdorf.
Seit einem knappen Jahr lebt der 18-jährige Gerhard Wirth aus Landshut in Jocksdorf. FOTO: Angela Hanschke/aha1
Jocksdorf. Seit einem knappen Jahr lebt Gerhard Wirth aus Landshut in Jocksdorf. Dort wurde der 18-Jährige innerhalb eines Freiwilligen Ökologischen Jahres (FÖJ) im Affen-Zoo Jocksdorf schnell die rechte Hand des Vereinsvorsitzenden Stefan Mai und dessen Ehefrau Sybille. Angela Hanschke / aha1

Was verschlug einen Jugendlichen aus der niederbayerischen Hauptstadt aber nach Jocksdorf? Nach zwölf Jahren Schulbesuch mit dem frischen Abiturzeugnis in der Tasche und - außer der vorhandenen Tierliebe - ohne Vorstellungen vom künftigen Beruf und ohne Erfahrungen in handfester Arbeit sei das FÖJ eine praktische Orientierungshilfe gewesen, sagte der junge Bayer. Seine Freunde hätten eher irritiert reagiert, als es hieß: "Ich gehe nach Brandenburg." "Was willst du da? Das ist doch fast schon Polen. Da ist doch gar nichts!", gibt er schmunzelnd einige Reaktionen von Gleichaltrigen über "die Hinterwäldler, die nicht richtig arbeiten" und inmitten von "Bleirohren, Vorkriegsstraßen und -autobahnen sowie total kaputter Landschaft" leben" zum Besten.

Doch gerade die Andersartigkeit Brandenburgs in Bezug auf Sprache, Landschaft, Mentalität, Kultur und Lebensart habe ihn neugierig gemacht. Das sei ja fast wie ein ganz anderes Land, meinte er und reiste bereits 14 Tage früher zur Probearbeit an, um die "exotische" Region zu erkunden. Seine Eltern und die Großmutter brachten ihn dorthin. Auch sie waren zum ersten Mal im Osten.

"Ich bin begeistert von der Gastfreundschaft in Brandenburg, den Menschen hier und ihrer Offenheit neuen Dingen und Menschen gegenüber", lautet seine Bilanz nach elf Monaten. Obwohl er natürlich seine Freunde vermisst habe, sei Heimweh Fehlanzeige geblieben, so der Brandenburger auf Zeit. Hier habe er auch wie erhofft "einen aufs Wesentliche zurückgeschraubten Lebensstil" vorgefunden und sei quasi als Ziehsohn von den Familien des Zoogründers und der Töchter aufgenommen worden. Doch das Fahrrad, eigentlich dazu gedacht, um Land und Leute kennenzulernen, blieb zum Leidwesen von Sybille Mai meist unbenutzt. Überall liege Arbeit an. "Ich arbeite hier wie in meiner Familie und mag deshalb nicht auf die Uhr gucken", lautet Gerhards Begründung. Die Mais hingegen schätzen besonders seine penible Ordnung beim Saubermachen der Gehege und das Einfühlungsvermögen den anvertrauten Tieren gegenüber. "Er kann ihre Sprache verstehen und spürt, ob sie sich wohlfühlen. Das ist eine ganz besondere Gabe", lobt Sybille Mai. Doch auf einen "Luxus" mag der Tierpfleger, der nach eigenem Bekunden nicht nur die Affen sondern alle Tiere - darunter auch Zoo-Hund Sam und die gestreifte Zoo-Katze Tiegi - ins Herz geschlossen hat, nicht missen.

Den besten Wlan-Empfang gibt es im Dschungel des Wintergartens. Kurzerhand verlegte er seinen Lebensmittelpunkt während der kalten Jahreszeit dorthin. Ansonsten wohnt er direkt auf dem Gelände, in einem Containerbau des künftigen Affen-Innengeheges. Die Lisztäffchen werden im kommenden Jahr seine Nachmieter sein. Intensiv hat er sich mit der einjährigen Handaufzucht Liszy beschäftigt, die bei seiner Ankunft noch im Babykörbchen wohnte, bastelte ihr mit Hingabe einen Begegnungskäfig, erlebte drei erfolglose Kontakte mit der Lisztaffenfamilie und schließlich die gelungene Aufnahme in die "Integrationsgruppe", zu der auch Weißbüscheläffchen, Rotbauchtamarine und ein Goldkopflöwenäffchen gehören. "Schön zu sehen, wie aus einem derart zarten, zerbrechlichen Wesen ein echter Affe wird", sagte Gerhard Wirth. Liszy dankt es mit besonderer Zuneigung. Ihr Lieblingsplatz ist auf der Schulter ihres jungen Pflegers.

Für den geht nun ein erlebnisreiches Jahr zu Ende. "Er hat sich sehr verändert", sagen Sybille und Stefan Mai. Das sei 500 Kilometer vom Elternhaus entfernt kein Wunder, betont Gerhard Wirth, der bald Chemische Biotechnologie an der Uni Straubing, die zum Campus der TU München gehört, studieren wird. Dennoch möchte er als frischgebackenes Vereinsmitglied dem Affen-Zoo treu bleiben und wird aus der Ferne die Internetseite der Einrichtung betreuen. Auch die praktische Arbeit mit Tieren soll nicht völlig der Vergangenheit angehören. Schließlich gebe es in jeder Stadt ein Tierheim.