Christine Wichmann ist 59 Jahre alt. Aus der Forster Tuchfabrik wechselte sie zu DDR-Zeiten in die Küche des Chemiefaserwerkes Guben. Nach der Wende ging es ihr dann wie Tausenden: Sie verlor ihren Job. Seitdem hat sie nicht mehr richtig Fuß gefasst im Arbeitsmarkt. 1997 ist sie nach Forst gezogen, hat knapp zwei Jahre in einer Spielothek gearbeitet, war wieder arbeitslos. 2007/08 habe sie in einer Beschäftigungsmaßnahme bei der Forster Tafel gearbeitet, 2009 einen Ein-Euro-Job gehabt. "Seitdem bin ich zu Hause", sagt Wichmann, die alleinstehend ist und sich als Zeitungszustellerin ein Zubrot zu Hartz IV verdient.

Mitte Dezember hat sie nach einem ihrer Montagsgespräche mit der Forster Stadtverordneten Doris Dreßler (Die Linke) einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geschrieben. "Wir sind einfache Bürger, weder rechts, noch dumme Bürger. Wir haben einfach nur Angst, Angst, dass wir noch weiter ins Abseits gedrängt werden", schreibt sie und schildert: 2016 soll der Hartz IV Regelsatz nur um fünf Euro angehoben werden. Das Geld reicht für viele gerade mal bis nach dem 20. des Monats. "Keiner von den hochbezahlten Politikern von CDU, CSU und SPD kann uns sagen, wie die 5 Euro Erhöhung zustande gekommen sind. In der Bevölkerung macht sich deshalb der Unmut breit, weil Sie, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, die Klammer aufgemacht haben in der Flüchtlingspolitik: ,,Kommt alle nach Deutschland!" Von der Politik werde immer gesagt: Es ist kein Geld da, wir müssen Sparen. "Wenn es Suppenküchen, Tafeln, Armutsberichte gibt, dann fragen wir uns, warum Frau Merkel wird das von Ihrer Politik nicht bekämpft?", schreibt sie weiter und betont: "Wir sind in diesem Land geboren und müssen uns rechtfertigen, wenn wir zur Flüchtlingspolitik eine andere Haltung einnehmen." Den Brief hat sie Doris Dreßler gezeigt. Die hat ihn anderen Forstern zu Lesen gegeben. "37 haben mit unterzeichnet", berichtet Doris Dreßler und sagt: "Die Menschen wollen angehört und ernst genommen werden mit ihren Sorgen."

Christine Wichmann hat den gleichlautenden Brief auch an den Parteivorsitzenden der SPD, Sigmar Gabriel, geschickt. Aus dessen Kommunikationsabteilung kam eine zweiseitige Antwort mit Erläuterungen zu Urteilen und zur Berechnung des Hartz-IV-Regelsatzes. "Das ist nicht die Antwort auf meine Frage", reagiert Christine Wichmann etwas hilflos darauf.

Ihre Hoffnung, von Bundeskanzlerin Angela Merkel verstanden zu werden, hielt sich, bis sie nun auch Post aus dem Kanzleramt bekam. "Aber da steht gar nichts zu unseren Sorgen", äußert sich die Forsterin enttäuscht und empört zugleich. In wenigen Zeilen ist ihr der Dank der Kanzlerin für ihr Schreiben und die beigefügte Aktion zum Thema "Flüchtlingströme und Grundsicherung" übermittelt worden. Und der Hinweis steht auf dem Papier, dass die Bundeskanzlerin über alle Aktionen unterrichtet wird. "Sie nimmt die auf diese Weise an sie herangetragenen Meinungsäußerungen und Forderungen der Menschen sehr ernst", wird versichert. Gleichzeitig bitte sie jedoch um Verständnis, dass nicht allen Einsendern eine Eingangsbestätigung gegeben werden könne. Soweit das Antwortschreiben.

Christine Wichmann sagt, sie wird nicht aufgeben. Ihr Weg ist jetzt immer montags der in die Arbeitsgruppe Soziales der Partei Die Linke in Forst.

Zum Thema:
Nach Auskunft eines Regierungssprechers wurden im vergangenen Jahr etwa 67 000 Eingaben direkt an die Bundeskanzlerin, Angela Merkel (CDU), gerichtet. Von besonders beauftragten Mitarbeitern des Kanzlerbüros werden diese geprüft, bearbeitet oder gegebenfalls an eine Fachabteilung weitergeleitet. Die in den Briefen hervorgehenden Meinungen, Anregungen, Nöte und Probleme gelten aber auch als ein Stimmungsbarometer. Rund 9000 der 67 000 persönlichen Zuschriften beschäftigten sich laut Kanzleramt mit Sorgen der Bürger über die Flüchtlingsströme und den Ängsten sozial Schwacher, weiter ins Abseits gedrängt zu werden.