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| 18:00 Uhr

Die Gäste lieben den rastlosen Rentner
Der Tresen bleibt seine Welt

 Franz Worrich lud zum Weihnachtsfrühschoppen in seine Kneipe ein. Die Gäste freuen sich darüber, dass er mit 77 Jahren immer noch seiner beruflichen Leidenschaft folgt.
Franz Worrich lud zum Weihnachtsfrühschoppen in seine Kneipe ein. Die Gäste freuen sich darüber, dass er mit 77 Jahren immer noch seiner beruflichen Leidenschaft folgt. FOTO: Margit Jahn
Forst. Warum Franz Worrich aus Forst mit 77 Jahren immer noch am Beruf des Gastwirts hängt.

Eigentlich könnte das 77-jährige Kneipen-Urgestein Franz Worrich aus Forst seinen Ruhestand genießen. Doch am ersten  Weihnachtstag erlaubt sich der Rentner eine Ausnahme und öffnet die Theke für den Frühschoppen.

Am ersten Weihnachtstag früh um 10 Uhr finden die Besucher kaum einen Parkplatz in der Albertstraße. Auch die Fahrradständer auf dem Hof füllen sich. Von fern und nah strömen die Gäste, um bei Franzl, wie er liebevoll genannt wird, zum Weihnachtsfrühschoppen anzutreten. Die Tische sind festlich geschmückt. Franzl selbst steht hinter dem Tresen, den Zapfhahn fest in der Hand.

Sobald Franzl zum Frühschoppen einlädt, sind sie da. Norbert Bunar sitzt bereits am Tresen und wartet auf seinen Schwiegersohn, der sich etwas verspätet. „Ich bin bin seit zehn Jahren mit meinen Schwiegersöhnen bei Franzl dabei. Ich komme wegen der guten Atmosphäre und weil es eine Forster Traditionsgaststätte ist“, sagt er und und gönnt sich ein gutes Schlückchen Bier. „Franzl als Urgestein, muss man einfach zwei bis drei Mal im Jahr besuchen“.

Auf den Barhockern sitzt eine kleine Herrenrunde, die am Vormittag lieber „inkognito“ bleiben will. Einer der Männer sagt: „Wir unterstützen Franzl. Er braucht das Publikum, sonst erfährt er nichts Neues, sagt er immer.“

In der ersten halben Stunde sind die Männer eindeutig in der Überzahl, das ändert sich erst eine Stunde später, wenn auch ein paar mehr Frauen die Weinstube betreten. „Am ersten Weihnachtsfeiertag kommt keine Frau her, die müssen zu Hause ihren Gänsebraten machen“ sagt Franzl verschmitzt. Eine Ausnahme bildet seine Frau Annemarie, die mit ihren 78 Jahren in der Küche werkelt. Ganz kalt bleibt die Küche nicht. Für die hungrigen Mäuler wird es Wiener Würstchen geben. „Da können später alle mal zugreifen“ sagt der bestens aufgelegte Kneipenwirt, der für einen Tag die alten Zeiten aufleben lässt. „Er macht das gerne und braucht das“ sagt seine Frau über den Unruhegeist von Forst. Fragt man Franzl, hat er eigentlich immer Termine im Kopf. Einmal im Vierteljahr möchte er für seine Stammgäste da sein. Im kommenden Jahr im Winter in der Gaststätte und später will er seinen Biergarten noch mal für ein bis zwei Tage öffnen. Öfter nun auch wieder nicht. „In Anbetracht unseres fortgeschrittenen Alters“ sagt der Wirt , der am 3. März seinen 78. Geburtstag begehen wird, muss aber auch darüber schmunzeln. „Weil viele junge Leute kommen, bleiben wir jung“.

Die Gäste zeigen sich einig. „Franzl weiß alles über die Stadt, ob Sport oder Kultur“, sagt Stammgast Michael Reimann über seinen Lieblingswirt. „Er ist halt eine Legende, ein originelles lebendiges Forster Tagesblatt.“

Auch Norbert Schefter ist der Einladung zum Frühschoppen gefolgt, wie in jedem Jahr. Er entstammt noch der Pub-Dienstagsrunde, zu der in besten Zeiten acht Leute gehörten. „Mit Franzl ist eine Tradition zu Ende gegangen. Einen Gastwirt, der so einen engen Kontakt zu allen Altersgruppen pflegt, gibt es nicht mehr in Forst.“

Neben Radsportlern und Fußballern sitzen Politiker und Musiker, Hundefreunde und alte Freunde. Von den 14-Jährigen erfährt er die Fußballergebnisse, von den 70-Jährigen, die mit dem Rollator kommen alte Lebensphilosophien. „Franzl weiß über alles Bescheid und findet für jeden Gast das richtige Wort“ sagt Norbert Schefter, der selbst aus einer alten Kneipendynastie aus Finsterwalde stammt.

Als ein aktuelles Foto von Franzls Lieblingsplatz hinter dem Tresen aufgenommen werden soll, sagt Manfred Geißler: „Da kannst du auch ein altes nehmen, Franzl sieht noch immer so jung aus“ – ein Kompliment, dem die Umherstehenden zustimmen.

Von seinem aufregenden Frühschoppen wird sich Franzl am nächsten Morgen mit Charlie dann wieder etwas erholen. Charlie, ein Beagle, ist seit zwei Jahren neues Familienmitglied bei den Worrichs. Seitdem ist Franzl in jeder freien Minute auch auf dem Hundeplatz zu Hause. „Dort sind viele Sportfreunde, und es gibt immer was zu quatschen“ sagt der fidele Wirt. „Ich versuche mein Rentnerleben zu genießen, aber was Schöneres als unsere Kneipe gibt es nicht“. Unermüdlich zapft er die „Schwarze Jule“ für seine Stammfamilie.