Dr. Ronald Weser ist hörbar entrüstet. Vergangene Woche hat er seinen Honorarbescheid für das zweite Quartal 2005 bekommen. Gerade mal noch ungefähr 60 Prozent seiner Leistungen, schimpft der Forster Allgemeinmediziner, habe er bezahlt bekommen. Seinen Kollegen sei es nicht besser ergangen, wie beim Ärzte-Stammtisch am Dienstag klar wurde. Man sei sich schnell einig geworden, erzählt Weser: „So können wir nicht länger weiter arbeiten.“ Wenn Krankenkassen oder Gesetzgeber an dieser Situation nichts ändern, müssten in Forst Praxen schließen oder Ärzte ihr Personal entlassen. Entsprechend würden viele Patienten abgewiesen. Um auf diese Gefahren deutlich hinzuweisen, planten die Mediziner für Donnerstag eine Aktion.
Die Forster, so Weser weiter, bitte er um Verständnis, wenn sie heute morgen die Praxen verschlossen vorfinden - mit einem Zettel an der Tür, der ihnen den Weg zur Weinbergstraße weist und ihnen einige erklärende Worte über das Warum des Streiks mitgibt. „Unser Protest ist ja auch im Sinne der Patienten“ , sagt der Arzt.
Dr. Hans-Joachim Helming, der Vorstandvorsitzende der Krankenkassenärtzlichen Vereinigung (KV) in Potsdam, räumt in einem gestern abgeschickten Brief an alle niedergelassen Ärzte Brandenburgs den finanziellen Notstand ein. Die Grenze zur wirtschaftlichen Liquidität sei „erreicht, in vielen Fällen überschritten“ . Grund sei nicht nur die neue Gebührenordnung und Honorarverteilung. Hinzu komme, dass die Krankenkassen der KV in diesem Quartal fünf Millionen Euro weniger gezahlt haben als bisher, weil mehr als 42 000 Arbeitslosengeld II-Empfänger als Mitglieder ausgeschieden sind und weil Versicherte ihre Krankenkasse gewechselt haben. Der KV-Chef sieht die politischen Entscheidungsträger in der Verantwortung, dieser „unzumutbare Unterfinanzierung“ Einhalt zu gebieten.
Helmings Sprecher Ralf Herre wundert es nicht, dass ausgerechnet in Forst der Protest losbricht. Gerade in Südbrandenburg sei die ärztliche Grundversorgung gefährdet. Dort sei der Fachärztemangel am größten, Patienten im Durchschnitt am ältesten, somit pflegebedürftiger. Ralf Herre begrüßt den Protest aus der Rosenstadt. Den Verhandlungen der KV mit der Landesregierung und den Krankenkassen würde so mehr Nachdruck verliehen. Die von Ronald Weser geschilderte Gefahr von Praxis-Schließungen und Entlassungen hält Ralf Herre für durchaus real. In Vetschau im Oberspreewald-Lausitzkreis hat vor wenigen Tagen eine Internistin ihre Praxis geschlossen, nachdem sie ihre Quartalsabrechnung bekommen hat. In anderen Städten Brandenburgs, so Ralf Herre, seien bisher noch keine Ärztestreiks geplant.

Hintergrund Mehr Honorar gefordert
 Laut Krankenkassenärztlicher Vereinigung (KV) bekommen Ärzte im Osten ein Fünftel weniger als im Westen, würden aber 25 bis 30 Prozent mehr arbeiten als ihre Kollegen. Um die unzureichende finanzielle Ausstattung der Ärzte im Osten Deutschlands zu verbessern, fordert die KV Brandenburg 700 Millionen Euro Honorarzufuhr für die den neuen Bundesländer.