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| 18:43 Uhr

Unruhe in der Verwaltung
Personalnot im Forster Kreishaus

 In der Forster Kreisverwaltung sind derzeit zahlreiche Führungspositionen unbesetzt.
In der Forster Kreisverwaltung sind derzeit zahlreiche Führungspositionen unbesetzt. FOTO: Sven Hering
Forst. Der Verwaltung laufen die Mitarbeiter davon. Zeichen eines schlechten Arbeitsklimas oder ein ganz normaler Vorgang? Von Sven Hering

Führungskräfte dringend gesucht. So könnte eine Stellenanzeige des Landkreises Spree-Neiße aussehen. Denn im Forster Kreishaus hat eine so bislang nicht bekannte Fluktuation gerade in der Führungsetage eingesetzt. Vier Fachbereichsleiter haben beim Kreis gekündigt oder sind in Rente gegangen. Das betrifft die Ressorts Ordnung, Sicherheit, und Verkehr; Schule/Kultur; Rechnungs- und Gemeindeprüfungsamt und demnächst auch Soziales.

Was ist da los im Forster Kreishaus? Das wollten Kreistagsabgeordnete jetzt wissen. „Wann wird die Stelle des Fachbereichsleiters im Rechnungsprüfungsamt nachbesetzt?“, fragte Andreas Paul Mekelburg (Linke) im Kreistag. Linke-Fraktionschef Diethelm Pagel betonte: „Die gegenwärtige Abwanderungsquote gibt uns zu denken.“ Es wäre an der Zeit, erklärte er, die Mitarbeiter nach dem Betriebsklima zu befragen. „Denn die gegenwärtige Situation stimmt uns traurig.“

Doris Dreßler (Linke) wurde noch deutlicher. „Hier fehlt einfach die Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern“, sagte sie und nannte das Jobcenter als Beispiel. Diese Mitarbeiter bekämen die ganzen Sorgen der gestressten Bürger aufgeladen. „Aber hört ihnen denn mal jemand zu?“, fragte sie. Gleichzeitig forderte sie die Verwaltung auf, die Stelle des Werkleiters zu besetzen. „Wir können das nicht auf dem Buckel der Mitarbeiter austragen.“

Personalrat: Katastrophale Verhältnisse

Der Personalrat äußerte ebenso Kritik. „Wir haben aus unserer Sicht im Moment ein sehr großes Problem“, sagte Martin Mielchen. „Uns verlassen Leute, bei denen wir nicht nachvollziehen können, warum.“ Einige seien einfach unzufrieden. „Dass wir im Moment vier Fachbereichsleiterstellen vakant haben, ist aus unserer Sicht katastrophal“, so Mielchen weiter. Denn Fachbereichsleiter-Posten seien  sehr spezialisiert und hochwertig und aus diesem Grund extrem schwierig zu besetzen. Zudem habe Forst zum Beispiel im Vergleich mit Cottbus einen Standortnachteil. „Und wenn ich dann Arbeitsbedingungen vorfinde, wo  mein Arbeitgeber mich relativ wenig wertschätzt, dann überlege ich mir schon, woanders hinzugehen“, so Mielchen. Cottbus locke so zum Beispiel mit einem Job-Ticket, mit dem die öffentlichen Verkehrsmittel kostenfrei genutzt werden dürften. Für den Personalrat steht fest: „Die offenen Stellen müssen ganz schnell und ganz dringend nachbesetzt werden.“

Doch wie sieht die Verwaltungsspitze die Situation? „Wir sind sehr intensiv an dem Thema dran. Die Ausschreibungen laufen, wir werden die Stellen auch wieder besetzen“, erklärte Landrat Harald Altekrüger (CDU). „Aber man muss auch den Arbeitsmarkt sehen. Die Angebote sind da und die Mitarbeiter haben ihre eigene Lebensplanung“, ergänzte er.

Altekrüger weist Kritik an Wertschätzung zurück

Den Vorwurf der geringen Wertschätzung wies Altekrüger zurück. „Ich denke, dass der Landkreis  schon eine sehr große Wertschätzung gegenüber seinen Mitarbeitern an den Tag legt“, so der Chef der Kreisverwaltung.

Finanzdezernent Carsten Billing, verantwortlich für das Jobcenter, wollte die Vorwürfe ebenfalls nicht unkommentiert im Raum stehen lassen. „Ich kann nur vehement widersprechen“, betonte er. Natürlich sei  es kein Geheimnis, dass im Jobcenter die höchste Mitarbeiter-Fluktuation herrsche. „Aber wir haben seit vielen Monaten an allen Standorten eine Situation, die es uns ermöglicht, unsere Aufgaben innerhalb der vorgeschriebenen Fristen zu erledigen.“ Seine Mitarbeiter hätten zudem eine sehr komfortable Fallzahl. „Deshalb kann ich die Kritik nicht nachvollziehen.“ Dass es natürlich immer wieder Konflikte im Jobcenter gebe mit Kunden, die mit Entscheidungen nicht zufrieden sind, das sei so. „Aber das ist ein ganz anderes Thema und sollte nicht vermengt werden mit einer Unzufriedenheit oder geringen Wertschätzung.“

Wer sich den Bericht des Jobcenters für das Jahr 2018 ansehe, der werde feststellen, dass die Widersprüche erheblich zurückgegangen seien. Billing: „Wir haben viele neue  Dinge initiiert, die wir gemeinsam mit unseren Mitarbeitern auf den Weg gebracht haben. Demnächst wird es wieder einen Mitarbeiterfachtag geben, an dem wir uns den ganzen Tag mit unseren Mitarbeitern hinsetzen und Themenschwerpunkte diskutieren, Unterstützung anbieten.“ Bei Stellenausschreibungen gelinge es, diese wieder zu besetzen. Billing: „Natürlich haben wir nicht mehr 50 Bewerber auf eine Stelle, aber ich glaube, das hat kein Arbeitgeber mehr.“

Mitarbeiter werden abgeworben

Zwei der vier Führungskräfte, die den Kreis verlassen haben, stammen aus dem Verantwortungsbereich von Sozialdezernent Michael Koch (SPD). „Das tut mir sehr leid, ich verliere hier Fachleute, sehr gute Mitarbeiterinnen“, sagte er. Koch selbst hatte sich nach  26 Jahren im Schulamt erst jüngst für den Job in der Kreisverwaltung beworben. „Und jetzt stelle ich fest, dass das Mitarbeiter von mir auch tun. Dagegen kann man grundsätzlich erstmal nichts sagen.“ Menschen fänden andere Herausforderungen. Teilweise gebe es Abwerbungen. Koch: „Es gibt überall Arbeitgeber, die gut ausgebildete Leute suchen und die laufen rum und machen bessere oder andere Angebote.“

Andreas Petzold, Fraktionschef SPD/Landwirtschaft und Umwelt, tat sich mit einer Wertung schwer. „Es gibt offenbar grundsätzlich unterschiedliche Wahrnehmungen.“ Er bat den Landrat darum, die Situation in einer der nächsten Kreistagssitzungen noch einmal darzustellen.

AfD-Fraktionschef Thomas Kochan warnte vor zu großer Aufregung. „Die Situation ist sicherlich nicht schön. Aber bei einer annähernden Vollbeschäftigung ist das auch normal.“ Auch im Handwerk oder in der Gastronomie gebe es  diese Mitarbeiterfluktuation. Kochan: „Die Leute verändern sich und das ist normal.“