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| 01:41 Uhr

Forst kämpft gegen Jule-Urteil

Die Gleisfragmente in der Heinrich-Heine-Straße dürfen entfernt werden. Foto: LR-Archiv (2), Worlitz (1)
Die Gleisfragmente in der Heinrich-Heine-Straße dürfen entfernt werden. Foto: LR-Archiv (2), Worlitz (1) FOTO: LR-Archiv (2), Worlitz (1)
Forst. Die Stadt Forst gibt nicht auf: Sie stellt die Denkmalwürdigkeit bestimmter Gleisfragmente der „Schwarzen Jule“ infrage und ist bereit, in die nächste Instanz zu gehen. Im Mai hat sie Antrag auf Zulassung der Berufung gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Cottbus gestellt. Von Ulrike Worlitz

Die Stadt Forst sei zu dem Schluss gekommen, dass das Gericht vier Gesichtspunkte nicht ausreichend gewürdigt hat, sagt Bauverwaltungsvorstand Heike Baerwald. Zum einen sei die Eigentümerfrage bestimmter Gleisfragmente nicht geklärt. Zwar gehören die Straßen der Stadt Forst, die Schienen habe sie damals aber nicht eingebaut. Die Verkehrssicherheit zu gewährleisten, obliege jedoch wiederum der Stadt und die Berücksichtigung der Fragmente bei Bauarbeiten führe zu einer hohen finanziellen Belastung. Zum anderen stellt die Stadt die Denkmaleigenschaft einiger Gleisfragmente mangels ihrer Rekonstruierungseigenschaft infrage. Der Denkmalschutz verlangt, dass die Schienen sichtbar bleiben und nach Straßenerneuerungen wieder eingebaut werden. “Wenn wir Gleise im Zuge von Baumaßen herausnehmen, können wir sie nicht mehr so einbauen, wie sie einmal waren„, sagt Baerwald. Technische Vorschriften unter anderem beim Kanalbau verbieten, die Gleise während der Arbeiten im Boden zu lassen.

Das Verwaltungsgericht Cottbus hatte sich in seinem Urteil auch auf das Gutachten der Denkmalfachbehörde gestützt, wonach die “Schwarze Jule„ nach wie vor im historischen Bewusstsein der Forster verankert und die Geschichte der ehemaligen Stadtbahn “in hohem Grad identitätsstiftend„ ist. Die Stadtverwaltung bezweifelt in ihrem Berufungsantrag, dass die Erhaltung der Gleise im öffentlichen Interesse liegt. “Die Gleise sind als Gesamtdenkmal doch gar nicht mehr nachvollziehbar„, sagt Heike Baerwald. Eine Bestandskarte von 1930, 1960 und 2007 soll verdeutlichen, wie wenige Fragmente erhalten geblieben sind. “Man kann die Zeit nicht mehr nachholen„, sagte Heike Baerwald.

Der Stadtverordnete Rainer Kliche (SPD), auch Vorsitzender des Seniorenbeirats und Regionalvorstand der Volkssolidarität, hatte im April eine Unterschriftenaktion für eine schrittweise Entfernung der Schienenreste gestartet. Er zweifelt nicht an der historischen Bedeutung der Stadtbahn. “Niemand ist gegen die Jule. Sie war einmalig„, sagt er. Jetzt stellen die Gleise aber eine große Unfallquelle dar.

500 Unterschriften seien bislang zusammengekommen, Menschen aller Altersklassen hätten unterschrieben. “Das ist nur die Spitze des Eisbergs„, vermutet Kliche. 50 Listen wurden zu Beginn der Aktion ausgelegt. Viele Bürger hätten sich die Zettel jedoch in Eigenregie kopiert, um sie im Bekanntenkreis herumzureichen. “Das Ganze entwickelt sich zu einer Lawine„, sagt Kliche. Zurzeit versucht er, alle Listen einzusammeln. Ziel sei, der Denkmalfachbehörde zu signalisieren, dass die Forster bereit sind, gemeinsam eine Lösung zu finden, um die Jule im Forster Gedächtnis zu halten. So sollen an ein, zwei Stellen in der Stadt Gleise erhalten bleiben. Im Idealfall werde eines Tages die Lok zurückgekauft. “Dann wäre die Jule eine Attraktion für alle und nicht nur für Liebhaber„, so Kliche. Diese Variante sei bereits im Bauausschuss diskutiert worden.

Jens Lipsdorf, FDP-Kreisvorsitzender (MdL) und Archäologe, hat für die Stadt eine Konzeption zum Umgang mit den Gleisanlagen verfasst, die auch im Gericht eine Rolle spielte. Er versteht nicht, warum die Denkmalfachbehörde auf den Wiedereinbau der Gleise besteht: “Wenn man die Gleise herausnimmt, ist das Denkmal zerstört.„ Er schlägt vor, im Verladebahnhof ein Informationszentrum einzurichten. Ein Stadtmodell könne veranschaulichen, welche Route die Jule fuhr. Schüler könnten das Konzept umsetzen. “Das wäre ein Forschungsauftrag, der dazu beitragen würde, sich mit der Umgebung zu identifizieren„, sagt Lipsdorf. Ebenso kann er sich vorstellen, die Fabriken und Gleise mit Hinweisschildern und farbigen Steinen als Fahrrad-Tour erlebbar zu machen.

“Grundsätzliches klären„

Heike Baerwald betonte derweil, dass Ideen willkommen sind, aber derzeit nicht vorangetrieben werden können: “Wir müssen erst Grundsätzliches klären.„ Der Berufungsantrag liegt beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg. Die Bearbeitung werde mehrere Monate dauern, sagte eine Sprecherin auf Nachfrage. Die Begründung der Stadt Forst müsse geprüft werden. Dann habe der Antragsgegner die Möglichkeit, sich zu äußern.

Unabhängig von der Klage gegen die Denkmalwürdigkeit´, wurden bei der Unteren Denkmalschutzbehörde Anträge gestellt, aufgrund von Bauarbeiten Gleise - nach umfangreicher Dokumentation - entfernen zu dürfen. Für die Heinrich-Heine-Straße wurde die Erlaubnis mittlerweile erteilt. Für die Gubener Straße wartet die Stadt laut Baerwald noch auf eine Entscheidung.