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| 15:19 Uhr

Brandenburgisches Textilmuseum
Vom Brigadeausflug bis zum Neuerer-Vorschlag

Eifrig wurde beim Fundusabend im Textilmuseum in den Brigadetagebüchern gestöbert.
Eifrig wurde beim Fundusabend im Textilmuseum in den Brigadetagebüchern gestöbert. FOTO: Angela Hanschke
Forst. Forster Geschichtsstammtisch hatte ins Textilmuseum zum Fundusabend „Brigadetagebücher“ eingeladen. Von Angela Hanschke

Ein Brigadetagebuch – als „Rarität aus DDR-Produktion“ – bezeichnet, wird derzeit im Internet für zwölf Euro angeboten. „Leer, es kann also mit Erinnerungen aller Art gefüllt werden“, regt der Verkäufer an. Pralles Leben verbirgt sich hingegen in den Tagebüchern, die am Donnerstagabend beim Geschichtsstammtisch im Brandenburgischen Textilmuseum gezeigt wurden. 40 dieser Bände befinden sich in seinem Fundus. Verfasst wurden sie in den Jahren zwischen 1967 und 1989. Sie stammen vorrangig aus den verschiedenen Betriebsteilen des VEB Forster Tuchfabriken (Tufa). Aber auch Handel und Versorgung – darunter die Sotschibar samt Kinocafé – sind vertreten.

Bis auf ein blaues Exemplar präsentieren sich alle uniform mit rotem Kunstledereinband samt Schraubbindung. „In welcher Form die Beiträge verfasst wurden, hing von den Kenntnissen und Fähigkeiten der Tagebuchschreiber ab“, sagte Museumsleiterin Michaela Zuber. Zumeist wurden sie handschriftlich verfasst, manche mit der Schreibmaschine, und in einigen Brigaden, in denen alle Kollektivmitglieder reihum Beiträge verfassten, wurden diese anschließend für den einheitlichen „Gesamteindruck“ vom Brigadetagebuchführer säuberlich abgeschrieben.

Mit viel Liebe zum Detail wurden beinahe alle geführt. Mit Verpflichtungen und Berichten zur Planerfüllung, Zeichnungen, Eintrittskarten, Zeitungsartikeln, Fotos von Kulturveranstaltungen, Auszeichnungen, Sportfesten und Brigadeausflügen versehen. Sie zeugen von Patenschaften mit Schulklassen, berichten vom kollektiven Besuch der jährlichen Maifeier, von Frauentagsfeiern, Arbeitseinsätzen, Solidaritätsbeiträgen, von prominenten Besuchern und privaten Festen. Dennoch: Der künstlerischen Freiheit waren Grenzen gesetzt.

„Eine literarisch-dokumentarische Darstellung zur Entwicklung eines Arbeitskollektivs“ nannte Angela Maaß diese Aufzeichnungen, die seit 1959 unverzichtbar beim Kampf um den – auch finanziell lukrativen – Titel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ waren. Ihr normgerechtes Führen wurde von Betriebs- und Betriebsgewerkschaftsleitungen überprüft. Einer Brigade, die am „Wettbewerb der Brigadetagebuchschreiber“ teilgenommen hatte, bescheinigte 1988 die Leiterin des Kulturhaus der Textilarbeiter  „… eine interessante und anspruchsvolle Gestaltung. Sehr umfangreich die Beiträge zur Problematik sozialistisch arbeiten, lernen und leben“.

Vereinzelt wurde Kritik geübt, wenn Kollegen von anderen Brigaden zur Hilfe angefordert wurden, dann jedoch kein Material zur Verarbeitung vorhanden war. Doch wo blieben die in der Spinnerei benötigten Hülsen? „Sie waren ein beliebtes Heizmaterial“, verriet Michaela Zuber. Geschmunzelt wurde ebenfalls über den Neuerer-Vorschlag „Zur Verbesserung der Beleuchtung“.  Der wurde mit 50 Mark honoriert. Seine Umsetzung erbrachte eine Einsparung von 38,25 Mark.

Auch der Erziehungsgedanke kam nicht zu kurz. Am 7. August 1967 erklärte sich eine Brigade nicht mit der Arbeitsmoral eines Kollegen einverstanden und verwies auf Auswirkungen bei der Jahresendprämie. Datenschutz war ein damals unbekanntes Phänomen. „Bummelanten“ wurden namentlich aufgeführt.

Wolfgang Schenk führte jahrelang liebevoll das Brigadetagebuch im damaligen „VEB Wasserwirtschaft/Flussbereich  Forst“.  Nein, es sei ihm nie zu viel gewesen, sagte er auf Nachfrage und vertrat überzeugend: „Das war im Gegenteil sehr interessant. Es war keine Belastung, sondern auch das Bewahren von Geschichte“. Etliche Jahrgänge dieser Tagebücher hatte er am Donnerstag zum Durchblättern für Interessierte mitgebracht.

Der einstige Reichsbahner Wolfgang Marlow berichtete während des Fundusabends von den ersten Computern im Betrieb und deren Sicherung mittels Panzertür. Gesichert hatte er selbst kurz vor dem Abriss des Forster Eltwerks eine gerahmte Mitarbeiterliste, die er dem Museum übergab.

Drei Tagebücher der Brigade Materialwirtschaft/Absatz aus dem Tufa-Werk I/1 überreichte auch Jürgen Winkler, damaliger Direktor für Absatz, an die Museumsmitarbeiterinnen. Das Älteste wurde im Jahre 1971 begonnen. Das Jüngste im Jahre 1989. Der letzte Eintrag wurde am 2. November vorgenommen. Über eine Brigadeversammlung, die aufs Jahr 1990 vertagt wurde. Dazu kam es allerdings nicht mehr.