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| 13:10 Uhr

Brauchtum
Frauen schleißen Federnfür kuschelige Betten

Karola Kaufmann, Astrid Hoffmann, Renate Walter, Christa Piater, Roswitha Lucia, Isolde Schüler, Manuela Nitzsche und die Gastgeberin Ute Jeschke beim Federnschleißen.
Karola Kaufmann, Astrid Hoffmann, Renate Walter, Christa Piater, Roswitha Lucia, Isolde Schüler, Manuela Nitzsche und die Gastgeberin Ute Jeschke beim Federnschleißen. FOTO: Angela Hanschke
Groß Schacksdorf. Ute und Dieter Jeschke aus Groß Schacksdorf lassen mit Verwandten, Freunden und Nachbarn alte Tradition aufleben. Von Angela Hanschke

Jährlich wachsen fünf Gänse auf dem Grundstück von Ute und Dieter Jeschke in Groß Schacksdorf heran. Sie führen ein paradiesisches Leben – bis die Weihnachtszeit anbricht. Am späten Montagmittag hat sich nun ein halbes Dutzend Frauen – die Schwester und Cousine aus Trebendorf, aber auch Freundinnen und Nachbarinnen – bei Jeschkes eingestellt. Um beim Federnschleißen mit zweimaligem Zupfen die weichen weißen Federteile vom Kiel zu trennen, damit dieser später nicht durch das Inlett piekt.

Vorsichtig schüttet Ute Jeschke den flauschigen Inhalt auf den Tisch. Zehn Gänse mussten dafür in den vergangenen beiden Jahren ihr Leben lassen. Nun sollen ihre schneeweißen Federn zur Füllung von wärmenden Federbetten für das Ehepaar werden. Eine beschwerliche und eintönige Arbeit, gäbe es dabei nicht die Gelegenheit zu ausgedehnten Gesprächen über Gott und die Welt. Man müsse sich im Winter halt Höhepunkte schaffen, meint Astrid Hoffmann aus Simmersdorf. Eine andere Besucherin sagt schmunzelnd: „So einen Dreck machen wir uns zu Hause nicht“.

Jahrelang geriet das Federnschleißen, das einst in der Region auch als „Federnschließen“ bezeichnet wurde, ins Hintertreffen. „Unsere Schwiegertochter Annett kannte diesen Brauch nicht. Also wurde vor fünf Jahren diese Runde zusammengerufen und es blieb seither dabei“, sagt Ute Jeschke. Solch eine feine Qualität gebe es bei im Laden gekauften Kopfkissen und Deckbetten nicht – handverlesen halt. 40 Jahre würden solche Betten halten, versichert sie. Die Federn von fünf bis sechs Gänsen reichen für ein Kopfkissen. Für ein großes Federbett wird die doppelte Menge benötigt. Jede Feder ist kostbar. Besonders flaumige Exemplare wirbeln durch die Luft, setzen sich an Auslegware, an Kleidung und im Haar der Frauen fest. Nach zwei Stunden ist Halbzeit. Die weiße Wolke wird vom Küchentisch in Waschkörbe befördert. „Federnschleißen war schon immer Frauensache“, so Karola Kaufmann. Dieter Jeschke kontert gelassen: „Die Männer müssen schließlich die Gänse füttern. Damit die Frauenrunde im Winter ihren Spaß hat“. Nur in den Wintermonaten bleibt Zeit für diese Arbeit. Im Frühjahr ruft in den Dörfern wieder die Gartenarbeit.

Der Spaß kommt am Montag nicht zu kurz. Auch Essen ist wichtig. Die Gastgeberin holt die guten Sammeltaschen hervor und  tischt auf: selbst gebackene Pfannkuchen, Quarktorte mit Baiserhäubchen, Eierlikörkuchen und belegte Stullen. Die Fastnachten in Groß Schacksdorf und Simmersdorf werden ausgewertet. „In Trebendorf wird am kommenden Wochenende gezampert“, kündigt Renate Walter an, die dann mit Roswitha Lucia im Gemeindezentrum fürs leibliche Wohl der Zampernickel erneut rund 160 Eier zu Rührei verarbeiten wird. „In Groß Schacksdorf sterben viele Bräuche aus“, bedauert Manuela Nitzsche.

Früher habe das Federnschleißen in jedem Haus zum winterlichen Alltag gehört und zwei Tage gedauert, steuert eine Helferin bei. Bevorzugter Zeitpunkt seien die Tage nach Geburtstagsfeiern gewesen, um den übrig gebliebenen Kuchen zu verwerten. Erst nach dem Viehfüttern konnten sich die Frauen zum Schleißen setzen. Bis Mitternacht dauerten solche Einsätze. Die Familien waren größer, Federbetten gehörten zur obligatorischen Aussteuer der Töchter.Nebenbei wird am Montag auch geklärt, warum „schnatternde“ junge Mädchen einst als „Pielchen“ (Gänschen) bezeichnet wurden.

Die Federkiele unter dem Tisch sind nutzlos. Die Bossiertechnik zum Verzieren von Ostereiern hat keine Tradition im Ort. Doch fast alle der Anwesenden färben die Ostereier noch selbst. Dennoch hatten die Vorfahren einst eine Verwendung für die Federkiele. Nach dem Federnschleißen war öfters in aller Herrgottsfrühe ein aus den Kielen gestreuter Weg zwischen zwei Häusern vorzufinden. Der gab der Dorfbevölkerung kund, welcher Bursche mit welchem Mädchen ging.

Nach sechs Stunden wird am Montag zum Abschluss ein Glühwein kredenzt.