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Farbwelten aus Filz als Lebenstraum

Angekommen bei dem, was ihr Freude bereitet: Juliane Beyer in ihrer Filzwerkstatt im Forster Ortsteil Bohrau.
Angekommen bei dem, was ihr Freude bereitet: Juliane Beyer in ihrer Filzwerkstatt im Forster Ortsteil Bohrau. FOTO: Steffi Ludwig
Forst. Seit die langjährige Gärtnerin Juliane Beyer vor rund sieben Jahren die Faszination des Filzens erfuhr und eine eigene Werkstatt im Forster Ortsteil Bohrau aufbaute, ist für sie ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. Seitdem ist sie auf Mittelaltermärkten in ganz Deutschland unterwegs. Steffi Ludwig

Das Leben fühlt sich augenblicklich entschleunigt an, wenn der Besucher die Werkstatt von Juliane Beyer betritt. Überall farbenfrohe Filzsachen und Stapel bunter Wolle, umgeben vom angenehmen Geruch nach Holz und Werkstoffen. In der Ecke verbreitet ein Ofen wohlige Wärme und mittendrin hantiert eine lächelnde Künstlerin.

Seit sie vor sieben Jahren ihre Werkstatt mit dem doppeldeutigen Namen "Über-Leben" gründete, hat die 58-Jährige, die lange Jahre als Gärtnerin arbeitete, etwas gefunden, was sie ausfüllt. Sie wolle damit "über-leben" und wer zu ihr komme, erfahre etwas "über das Leben", erklärt sie das Wortspiel im Werkstatt-Namen.

Dafür hat sie extra ein Holzhäuschen neben dem Wohnhaus ihrer Familie im Forster Ortsteil Bohrau errichtet. "Ich hatte in Goslar Kunsthandwerker beim Filzen gesehen und war sofort davon fasziniert, was man aus Wolle alles machen kann, ohne zu stricken", berichtet sie, während sie ein dunkelgrünes Stück Schafwolle auslegt, mit Wasser übergießt und mit Olivenseife einseift, damit sich die Fasern verfilzen. Später kommen andere Farben hinzu, die Wolle wird in der Hand hin- und herbewegt - im Fachjargon "gewalkt" - während immer wieder gewässert, geseift und gezupft wird, bis die gewünschte Form erreicht wird.

Blüten fürs Haar, Taschen, Armstulpen, Hüte, Oberteile oder Gefäße in immer wieder neuen Farbzusammenstellungen entstehen so. "Jedes Teil ist quasi ein Einzelstück", so die Forsterin. Juliane Beyer hat die Grundtechniken beim Filzverein Lenzen gelernt und jedes Jahr Lehrgänge bei Filz-Künstlerinnen belegt. "Ich habe das Wissen aufgesogen wie ein Schwamm", schwärmt sie. So hat sie sich auch das Einarbeiten von Seide in die Wolle angeeignet - mittlerweile eine ihrer Spezialitäten. Die Wolle kommt großteils aus der Region.

Ihre Filzwaren bietet sie auf Mittelaltermärkten an, begann in Beeskow und fährt mittlerweile quer durch ganz Deutschland. Auch in Forst war sie schon auf Märkten dabei. Dabei setzt sie auf Aktion - "Ich kann meine Hände nicht stillhalten" - hat sich eine Handspindel besorgt und filzt an ihrem Marktstand mit Kindern Blüten. Denn sie will sich als Handwerkerin verstanden wissen, und Handwerk habe auch seinen Preis. "Filzen ist eine Nische - und für mich so etwas wie Heimat: Denn Filz gibt beim Anschauen durch seine weiche Oberfläche so etwas wie Wärme, und Wärme heißt Geborgenheit - und diese brauchen die Menschen offenbar immer mehr", sagt sie, die auch gerne mit Worten Bilder malt. Kleine Kurzgeschichten entstehen oft, wenn sie über ihr großes Grundstück streift, das sie landschaftsgärtnerisch gestaltet.

Ob sich ihre Werkstatt gelohnt hat? "Für meine Seele, für mein Wohlbefinden auf jeden Fall", sagt sie. Das verdiente Geld reiche zum "Über-Leben". Viele Marktbesucher seien zwar nur "Seh-Leute", doch sie freue sich, wenn ihre Dinge andere ansprechen. Ihr Wissen vermittelt sie in Kursen an der Volkshochschule Weißwasser - oder direkt in der Werkstatt. "Die Leute kommen bis aus Berlin oder Storkow." Dann wird zusammen gefilzt - und übers Leben philosophiert.

Zum Thema:
Juliane Beyer ist in ihrer Werkstatt in der Hauptstraße 10a in Forst erreichbar, Telefon: 035696 482 oder E-Mail: info@werkstatt-ueber-leben.de, Internet: www.werkstatt-ueber-leben.de . Hier bietet sie Interessenten auch Kurse im Filzen an.