Cottbus. Die Skadower Tierärztin Susanne Schmidt macht in jedem Jahr aufs Neue die Erfahrung, dass scheinbar verwaiste Kitze bei ihr abgegeben werden, obwohl sie in freier Wildbahn besser aufgehoben wären. "Natürlich kommt es auch vor, dass kleine Kitze bei der Wiesenmahd verletzt werden, dann sind sie bei uns gut aufgehoben. "Oft aber liegen die Kitze zwar allein im Gras, die Mütter aber beobachten sie aus sicherer Entfernung."

Die Kitze liegen bis zu einem Alter von drei Wochen bei Störungen dicht an den Boden gedrückt. Erst danach lösen Räuber, Lärm und Menschen das Fluchtverhalten aus.

Susanne Schmidt, Tierärztin und Leiterin der Wildtierauffangstation in Skadow, hat viel Erfahrung mit der Aufzucht junger Rehkitze. Jedes Jahr im Mai und Juni werden neue Fundtiere bei ihr abgegeben. "In neun von zehn Fällen hätten die Finder das Tier besser in Ruhe gelassen."

Aus ihrer langjährigen Praxis weiß sie, dass die meisten Kitze keine Hilfe brauchen. Daher hat sie einige Verhaltensregeln zusammengestellt, die Spaziergänger beherzigen sollten.

Die Kitze liegen jetzt im Wald oder auf Wiesen im Gras und flüchten nicht vor dem Menschen. Niemals anfassen: Die Ricke würde den Menschengeruch sofort wahrnehmen und das Kitz im Stich lassen.

Wer ein Kitz entdeckt, sollte sich vorsichtig zurückziehen. Meist hält sich die Mutter in der Nähe auf und wartet, bis der Mensch verschwunden ist.

Wer Zweifel hat, ob die Ricke noch lebt, sollte den zuständigen Jäger oder Förster informieren. Auch bei verletzten Jung- oder Muttertieren sollte der Förster gerufen werden.

"Stört" ein Kitz beim Mähen einer Wiese, sollte der Bauer es umfahren werden. Noch besser: Erst mähen, wenn Kitz und Ricke weitergezogen sind.

"Auf keinen Fall sollte sich ein Laie an das Experiment einer Handaufzucht wagen", rät Tierärztin Susanne Schmidt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde das Kitz sterben oder lebenslang unter schweren Fehlprägungen leiden.

Bei ihr in der Auffangstation werden die Tiere artgerecht aufgezogen und mit Spezialmilch gefüttert. Um die Prägung auf den Menschen zu verhindern, leben Jungtiere möglichst mit älteren Vertretern ihrer Art zusammen. "Viele Tiere müssen bis zu einem Jahr bei mir bleiben, bis ich sie auswildern kann."

Rehkitze und andere Fundtiere betreut die Ärztin seit Jahren ehrenamtlich. "Finanzielle Unterstützung bekomme ich dafür nicht", sagt sie. "Ich bin seit 20 Jahren jeden Tag rund um die Uhr im Dienst, jeder nimmt meine Hilfe als selbstverständlich." Seit Gründung der Station im Jahr 1988 betreut die Tierärztin allein die Pfleglinge. Finanziell steht ihr seit einigen Jahren ein Verein zur Seite. 2014 steuerte die Stadt erstmals 4000 Euro bei. "Trotzdem ist es mühsam, den Unterhalt für die Tiere zu finanzieren und ihre Betreuung zu gewährleisten." Jetzt wäre dringend die Reparatur eines Daches der Winterunterkünfte nötig. "Das Geld haben wir einfach nicht." Freie Tage oder Urlaub kennt Susanne Schmidt seit Jahren mehr.

Bei ihr erlernen die Fundtiere alles, was sie für ein Leben in der Natur brauchen. Nicht immer aber mit Erfolg. Bambi, ein kleiner Rehbock, wird wohl auf Dauer in der Einrichtung bleiben. Er ist vollkommen auf die Ärztin fixiert. Der Versuch, ihn auf die eigene Art zu prägen scheiterte. "Ich musste ihm die Hörnchen absägen, er wurde zeitweise recht aggressiv."

Mehr Hoffnung auf ein artgerechtes Leben in freier Natur hat das jüngste Fundtier in Skadow. Das kleine Kitz ist gute zwei Wochen alt, wurde von Spaziergängern in Forst-Sacro gefunden. "Die haben allerdings richtig gehandelt. Das Kitz rannte ihnen hinterher und hatte Hunger." Die Mutter sei wohl tot, vermutet die Ärztin. Das Kitz päppelt sie nun auf und wird es so früh wie möglich auswildern.

Wer Susanne Schmidt und ihren Tieren helfen möchte, kann spenden: an die Wildtierauffang- und Pflegestation, IBAN DE28180500000190009250.