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| 01:31 Uhr

Explosive Spaghetti und Unterlegscheiben, die in Stichflammen aufgehen

Forst / Brozek.. Drei Tote gab es seit Mai 2003 auf dem Gelände der ehemaligen Deutschen Sprengchemie bei Brozek (Scheuno). Nachdem ein Schrottsammler im Mai ums Leben kam, ist das Areal gesperrt, das in den vergangenen Jahren häufig Ziel von geführten Besuchergruppen aus Forst war.

Gab es nach einem Explosionsunglück mit zwei Toten vor einem Jahr noch Ausnahmegenehmigungen der polnischen Behörden, ist seit Anfang Mai auch damit Schluss: Das Gelände ist verbotenes Terrain (RUNDSCHAU berichtete). Seit einigen Wochen ist eine Spezialeinheit der polnischen Armee damit beschäftigt, gefährliche Überbleibsel der einstigen Sprengstoffherstellung aufzuspüren.
Die Pioniere unter dem Kommando von Hauptmann Kuropatnicki suchen Quadratmeter für Quadratmeter des Waldbodens, der Bunker, Schächte und Verbindungskanäle mit Metall-Detektoren ab. Fast ständig werden mit einem Piepsen in den Ohrhörern metallische Gegenstände angezeigt, die vorsichtig freigelegt werden. Selbst im unmittelbaren Umfeld des im Mai 2003 explodierten Bunkers, in dem zwei Studenten starben, sind noch Hinweise auf Überbleibsel, von denen man erst nach dem Ausgraben weiß, wie gefährlich sie sind.
„Die Detektoren signalisieren metallische Gegenstände, die bis unter einer Erdschicht von 30 Zentimetern liegen“ , erklärt Hauptmann Kuropatnicki. Natürlich sei auch ungefährlicher Schrott gefunden worden: Schrauben, Muttern und Blechteile oder beispielsweise ein Reichsadler, der an einer der werkseigenen Lokomotiven befestigt war. Aber es war auch viel Gefährliches unter den Fundstücken: Bisher sind rund 500 Minen, Granaten und andere Sprengmittel in der Statistik aufgeführt. Darunter sind auch die Sprengstoff-Fäden, die von ehemaligen Mitarbeitern als „Spaghetti“ bezeichnet wurden. "Diesen Sprengstoff gibt es noch in Massen", so der Hauptmann und lässt die Stäbchen von einem Soldaten in die Kamera halten. Andere Fundstücke sehen auf den ersten Blick wie Unterlegscheiben aus. Kuropatnicki zündet eine an, die in einer Stichflamme verglüht.
Derzeit versperren weiß- rote Bänder die Zufahrtswege zu den Abschnitten, wo gerade nach gefährlichen Überbleibseln der Kriegsproduktion gesucht wird. An den Bunkern weisen Schilder in deutscher und polnischer Sprache darauf hin, dass das Betreten verboten ist. Die Munitionssucher - allesamt Berufssoldaten - warnen vor Leichtsinn: "Bis das Gelände einigermaßen sicher ist, werden noch zwei Monate vergehen. Selbst dann wird das Betreten immer noch Gefahren in sich bergen", so der Hauptmann. Zeitgleich laufen Laboruntersuchungen, deren Ergebnisse aber noch nicht vorliegen Die Pioniere aus dem Raum Glogau arbeiten täglich zehn Stunden. Bisher wurden etwa 40 Hektar des Geländes untersucht - etwa ein Zehntel der ehemaligen Sprengchemie-Fläche, auf der rund 400 Bunker samt Nebenanlagen zu untersuchen sind. (gk)