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| 14:42 Uhr

Groß Kölzig
Erinnerungen gehen unter die Haut

Jochen Zarse während der Präsentation des Kriegstagebuches in der Heimatstube Groß Kölzig.
Jochen Zarse während der Präsentation des Kriegstagebuches in der Heimatstube Groß Kölzig. FOTO: Angela Hanschke
Groß Kölzig. In der Heimatstube wurde erstmals aus dem Kriegstagebuch einer Groß Kölzigerin gelesen. Von Angela Hanschke

In wenigen Tagen jährt sich die Unterzeichnung des Waffenstillstandes für den Ersten Weltkrieg durch das deutsche Reich zum 100. Mal. Rund 60 Besucher hat Andreas Müller aus diesem Anlass im Namen der Arbeitsgruppe „Heimatstube/Heimatforschung“ im Ausstellungsbereich „Alte Schule“ begrüßt. Angeknüpft wurde dort an die Dauerexposition „Groß Kölzig in Kriegszeiten vergangener Jahrhunderte“. Mit Erinnerungen an einen Krieg, der oft als „vergessener Krieg“ bezeichnet wird, der in Schützengräben ausgefochten wurde und  in dem erstmals Stahlhelme, feldgraue Uniformen, Panzer, U-Boote, Giftgas, Flugzeuge und Luftschiffe zum Einsatz kamen, schilderte Hans-Jürgen Paulick beim Eröffnungsvortrag. Dieser wurde untermalt von Porträts junger Groß Kölziger Kriegsteilnehmer, die voller Zuversicht an die Front gefahren waren.

Eine Euphorie, die auch in der kaiserlichen evangelischen Volksschule Groß Kölzig unter Rektor Bruno Stock geschürt wurde, hat die pensionierte Lehrerein Doris Franko­wiak beim Studium alter Schulakten herausgefunden. „Es ist eine Veranstaltung, um an unsere Großväter und Urgroßväter zu erinnern“, sagte Wolfgang Grätz zur Ausstellungseröffnung. Mehr als 100 Ehemänner, Söhne, Väter aus dem Dorf zogen in diesen Krieg. 42 verloren ihr Leben auf den Schlachtfeldern, sechs starben an den Folgen ihrer Verwundung, darunter im Oktober des Jahres 1915 auch sein eigener Großvater, der Maurer Max Mudrack. Bereits am Vortag der Veranstaltung hatten die Heimatfreunde auf dem Friedhof am Denkmal, das die Ortsbewohner im Jahre 1922 errichtet hatten, ein Blumengebinde niedergelegt.

Vor vier Jahren bat die Arbeitsgruppe darum, historische Zeugnisse aus dem Ersten Weltkrieg zur Verfügung zu stellen. „Die Auswertung von Fotos aus dem Besitz von Peter Fielitz und Briefen, die uns Kurt Noack und Wilfried Schieber überließen, können wir nun präsentieren“, so Wolfgang Grätz. Vielen Kriegsteilnehmern konnte er einen Teil ihrer Biografie wiedergeben. Zwei Alben aus dem Nachlass ihrer Urgroßmutter mit Fotografien und Feldpostkarten, zeigte Doris Noack. Verwitwet, ernährte Marie Roick die Familie mit dem körperlich schweren Ziegelstapeln in der Ziegelei Klein Kölzig.

Höhepunkt der Veranstaltung war jedoch die Präsentation eines roten Notizheftes, in dem die 1866 in Groß Kölzig geborene Johanna Förster zwischen 1914 und der Inflationszeit in Sütterlinschrift ihre Gedanken festhielt. Eine Besonderheit auf dem Lande und eine Fundgrube für Historiker. „Mein Vater hat es sorgfältig aufbewahrt“, sagte ihre Enkelin Brigitte Zarse (86). Ihr Ehemann Jochen Zarse stellte es erstmals auszugsweise vor. Die drängende Sorge um die beiden Söhne Wilhelm und Fritz spürten auch die Zuhörer. Ebenso das Leiden an der Front, der Hunger und das Frieren. Päckchen aus der Heimat, gefüllt mit Lebensmitteln und warmen Socken, wurden zur Überlebenshilfe, die Briefe von daheim zum Seelentrost. Manchem Ausstellungsbesucher traten die Tränen in die Augen. „Mama, du siehst Gespenster! Hier denkt niemand an Krieg“, hatte Fritz, der Älteste der fünf Geschwister, nur wenige Tage vor Kriegsausbruch geschrieben. Am 7. September 1915 – seinem Todestag – verfasste er die letzte Nachricht.

Das Tagebuch der Mutter brach nicht ab. Johanna Förster analysierte die politische Entwicklung, sah das Ende des Kaiserreiches voraus und schilderte das Leben in Groß Kölzig – unter anderem die Dürre im Sommer und den Nachtfrost im Juni 1918. Auch den Ernteausfall. „Vier Pfund Kartoffeln die Woche und drei Pfund Brot, ein halbes Pfund Graupen … dann 50 Gramm Butter, ein halbes Pfund Fleisch, das ist die Kost der ganzen Woche.“