Von Nils Ohl

„Die Frau hatte ein Taxi von Döbern nach Gubin zu McDonalds bestellt und ich fand es schon kurios, dass eine Dame in ihrem Alter mit laufendem Telefon einsteigt“, erklärt Mathias Blechstein. Auch dass die Rentnerin am vergangenen Donnerstag nur die Hinfahrt gebucht hatte, kam dem Taxiunternehmer aus Döbern komisch vor. Im Gespräch mit der Frau erfuhr er, dass sie in Gubin ihren Enkel treffen wolle, der ein Geschäft abzuwickeln habe und dafür dringend Geld bräuchte.

Um die Rückfahrt würde sich ihr Enkel schon kümmern.

Selbst nach der Frage des Taxifahrers, ob sie schon vom „Enkeltrick“ gehört habe, war sich die Rentnerin gewiss, das Richtige zu tun. Doch schließlich überzeugte  Mathias Blechstein sie, bei der Polizei in Guben einen Zwischenstopp zu machen. Hier konnte Kontakt zum echten Enkel hergestellt werden, wodurch der Betrug aufflog.

„Die Frau, aber auch deren Tochter und Enkel waren heilfroh, dass sie am Ende doch nicht in die Falle getappt ist“, erinnert sich Mathias Blechstein. „Zum Glück kommen wir hier immer mit den Kunden ins Gespräch. In der Großstadt hätte der Fahrer den Auftrag angenommen und wäre losgefahren. Bei uns auf dem Dorf steigen die Kunden vorn mit ein und man unterhält sich. Sonst wäre das nie ans Licht gekommen.“

Dank Mathias Blechstein konnte die über 80jährige Rentnerin vor dem Verlust von mehreren Tausend Euro bewahrt werden.

Wie Ines Filohn, Pressesprecherin der Polizei, sagt, gehört die Frau aus Döbern zur typischen Zielgruppe der Enkeltrickbetrüger: „Da spielt die Sozialisierung eine große Rolle. Die älteren Menschen haben oft selbst große Not erlebt und sind deshalb schnell bereit zu helfen. Sie haben auch Respekt vor den Behörden. Makaberer Weise sind sie deshalb für solche Täter eine dankbare Beute.“ Die Betroffenen seien meist noch rüstig und keineswegs dement.

Oft wird sogar das Sterbegeld weggegeben, auf das jahrelang gespart wurde, oder Bargeld per Päckchen ins Ausland geschickt.

Die Kreativität der Gangster kennt keine Grenzen. Manche stellen sich als Staatsanwalt vor, andere geben sich als Polizisten aus, die Einbrüche verhindern wollen und deshalb genau wissen müssen, wo die Wertsachen liegen. Andere geben vor, Verwandte gegen Kaution aus Gefängnissen freikaufen zu müssen oder Geld für eine teure Krankenhausbehandlung zu benötigen.

„Die Täter kommen zwar nicht bei jedem Versuch ans Ziel, aber wenn es klappt, steht gleich ein großer Gewinn in Aussicht“, so Ines Filohn.

Die Täter finden ihre Opfer, indem sie beispielsweise Telefonbücher durchgehen und anhand der Namen die Generation abschätzen. Sie nutzen die Gesprächsbereitschaft der Senioren aus und bauen gezielt ein Vertrauensverhältnis auf. Dabei greifen sie geschickt jede Information auf, beispielsweise ob das Opfer überhaupt einen Enkel hat und wo dieser wohnt, und entwickeln aus diversen „Bausteinen“ aus dem Stand eine Betroffenheits-Story. Und auch im Falle der Rentnerin aus Döbern, die das Geld ja in Polen übergeben sollte, haben die Täter akzentfreies Deutsch gesprochen.

„Die Täter agieren verschleiert und mit unterdrückten Telefonnummern. Das ist für die Polizei kaum nachzuvollziehen“, erklärt Ines Filohn. Die Betrüger werden fast nie erwischt.

Inzwischen vergeht in Südbrandenburg fast kein Tag ohne versuchten Enkeltrick.  2018 wurden allein 165 Fälle statistisch erfasst, bei denen sich jemand fälschlich als Amtsperson ausgegeben hat. 2017 waren es noch 79 Fälle.

Achtung ist besonders gegeben, wenn Krankenhäuser oder Behörden angeblich Geld verlangen. „Keine Behörde, kein Gericht würde Geld ohne schriftlichen Beschluss verlangen. Auch die Polizei ruft nie im Voraus wegen individueller Wertsachen an“, erklärt die Polizeisprecherin. Sie rät, im Verdachtsfall sofort aufzulegen, den Polizeiruf 110 zu wählen und die echten Verwandten anzurufen. „Und wer wirklich finanzielle Hilfe von den Großeltern braucht, muss eben persönlich vorbeikommen.“