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| 16:11 Uhr

Händler kämpfen um ihre Kunden
Baustellenfrühstück unterm Schirm

Von Schienenersatzverkehr und Regen ausgebremst: Helmuth Wiegand schwang beim Baustellenfrühstück dennoch routiniert den Taktstock. Die Bushaltestelle wurde zur Konzertmuschel.
Von Schienenersatzverkehr und Regen ausgebremst: Helmuth Wiegand schwang beim Baustellenfrühstück dennoch routiniert den Taktstock. Die Bushaltestelle wurde zur Konzertmuschel. FOTO: Angela Hanschke
Forst. Kunden gefragt: Noch fast zwei Jahre müssen die Händler der Cottbuser Straße durchhalten.

 Vier Monate Vollsperrung in der Cottbuser Straße zwischen Berliner Platz und Bahnhofstraße haben trotz einiger „Fußgängerbrücken“ die Nerven von Gewerbetreibenden, Kunden und Passanten gehörig strapaziert. „Heute dürfen Sie über die Baustelle gehen!“, verhieß am Samstagmorgen ab 10 Uhr während des „Baustellenfrühstücks“ Andreas Wolff, der Vorsitzende des Forster Gewerbevereins. Zahlreiche Bürger der Stadt konnte er zu der  Marketingaktion des Vereins gemeinsam mit der Bürgermeisterin Simone Taubeneck (parteilos) begrüßen. „Gehen Sie weiter hier einkaufen“, appellierte diese an die Einwohner, „sonst werden hier noch weitere Geschäfte leer stehen.“

Bunte Zeichnungen und Wimpelketten hatten die Kinder des Kinderhauses „Am Wasserwerk“ und der Fröbel-Kita bereits am Vortag an den Bauzäunen angebracht. Mitarbeiterinnen der Sparkasse Spree-Neiße präsentierten am Samstag Knax-
spiele: Glücksrad, Malutensilien und Naschwerk erfreuten die Kinder vor der „Apotheke Cottbuser Straße“. An der Bäckerei Arlt sowie am Restaurant „Kaffeebohne“ luden Sitzgarnituren zum gemeinsamen Gratisfrühstück ein. Kaffee und belegte Brötchen tischte Birgit Schulze am ersten Standort auf. „Das gesamte To-go-Geschäft mit den Frühstückskunden fällt derzeit weg“, beklagte sie. Man hätte bei der Planung besser zusammenarbeiten müssen, sagte Thomas Jasiak.

„Ich habe mehr Gäste zum Baustellenfrühstück erwartet“, so „Kaffeebohne“-Betreiber Reinhard Jäger in der Bahnhofstraße. „Eine zweite Baustellenführung in unserem Bereich wäre hilfreich gewesen.“ Kurze Zeit später wurden die Regenschirme aufgespannt. Das Baustellenfrühstück wurde zum Stehbankett. Zwei Dutzend Wissbegierige schlossen sich dennoch dem Rundgang mit dem technischen Werkleiter des städtischen Eigenbetriebes Abwasserbeseitigung, Frank Przychodski, an.

Während des Ausbaus der Cottbuser Straße in den Jahren 1993/94 sei nur der Kanal für die Straßenentwässerung ausgebaut worden. „Die vorhandenen Schmutzwasser- und Niederschlagskanäle – vor 100 Jahren angelegt – wurden nicht erneuert.“ Insbesondere am Kreuzungsbereich Berliner Straße/Cottbuser Straße treten Altlasten zutage. „Der Schmutzwasserkanal aus der Berliner Straße und der Niederschlagswasserkanal aus der Cottbuser Straße treffen aufeinander. Die Altprofile mussten aneinander angepasst werden, um die Leistungsfähigkeit der Schmutzwasserableitung nicht zur reduzieren.“

Neugierig lugten die Zaungäste in zwei Baugruben. 3,80 Meter tief liegt der Schmutzwasseranschluss des Forster Hofs. „Das geht nur in Handarbeit“, so Steffen Pietsch, Schachtmeister der Firma „Eurovia“ aus Kölkwitz. Aufgrund des extrem harten Lehmbodens greifen die Bauarbeiter zu Picke und Schaufel. „Auf der Hauptverkehrsader, an der B 112, kann jedoch nicht um 16 Uhr Feierabend sein!“, kritisierte Dietmar Otto, während Anja Abendrot bemängelte, dass der Zugang zu Müllbehältern und Behindertenbänken versperrt sei. Erstmals wurde das Buswartehäuschen zur Konzerthalle. Hartgesottene Baustellenbesucher wie Edith Löffler applaudierten, als der Männergesangverein unter Leitung von Helmuth Wiegand auftrat. „Später wird es hier mal richtig schön sein“, meinte sie. „Mehr Aktivität“ wünscht sich Christel Dill, die das Modehaus „Witboy“ betreibt, im Gespräch mit Adelheid Singer vom Gewerbeverein. „Könnte der Arbeitsbeginn eine Stunde früher erfolgen?“ Trotz der Rabatte  verzeichnete sie am Samstag keine höheren Besucherzahlen. „Der Zeitpunkt am Monatsende ist nicht optimal.“ Viele Inhaber kleinerer Läden hätten resigniert. „Erhebliche Umsatzeinbußen“ verzeichnet auch Uwe Hubert vom Sporthaus Hubert. „Beim ersten Bauabschnitt liegt mein Geschäft am Ende. Beim Zweiten, der im kommenden März beginnt, liegt es am Anfang. Ich bin also zwei Jahre lang betroffen“, rechnet er vor, bedauert den Wegfall des Mitternachtsshoppings und von vier Parkplätzen in unmittelbarer Nähe. Vertrauliche Gespräche führte Andreas Wolff in Begleitung der Bürgermeisterin.

„Eine sehr schöne Resonanz“ verzeichnete Katrin Berger von der Buchhandlung Berger. Anregungen der Händler sollen jeweils dienstags bei den Baustellengesprächen an die Bauleitung herangetragen werden. Die Freigabe des zweiten Bauabschnitts ist am 7. Dezember 2020 geplant.