| 02:36 Uhr

Einblicke in ein geheimnisumwobenes Schloss

Stefan Buss zeigte den Teilnehmern das Schloss. Selbst für viele Bohrauer Einwohner war es eine seltene Gelegenheit, das Gebäude von innen zu sehen. Zuletzt wurde es als pschychiatrische Einrichtung genutzt, steht zum Verkauf.
Stefan Buss zeigte den Teilnehmern das Schloss. Selbst für viele Bohrauer Einwohner war es eine seltene Gelegenheit, das Gebäude von innen zu sehen. Zuletzt wurde es als pschychiatrische Einrichtung genutzt, steht zum Verkauf. FOTO: tfs1
Forst. Auf eine Reise in die Vergangenheit begaben sich die Besucher des Geschichtsstammtisches in Forst. Im Mittelpunkt stand das Örtchen Bohrau. Vor allem aber das alte Schloss. Toralf Haß / tfs1

Schon 30 Minuten vor dem eigentlichen Beginn waren im Saal im Gasthaus "Zur Oase" nur noch vereinzelt Sitzplätze zu finden. Neben den Stammgästen der Veranstaltungsreihe waren auch viele Einwohner des Ortes erschienen. Das große Interesse überraschte dann doch ein wenig die Veranstalter. Stefan Buss vom Museumsverein führte die Besucher bei einsetzenden Regen zunächst auf einem Rundgang durch den Ort. Am Kriegerdenkmal vorbei ging es zum Friedhof. Dort ist unter anderem das Grab des Rennfahrers Georg Pawlack zu finden, der am 7. Oktober 1908 im damaligen Klein Bohrau geboren wurde. Seine Karriere als Radrennfahrer startete er im Verein "Frisch Auf" Groß Bohrau. Auf der Forster Rennbahn hat er zur damaligen Zeit alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Pawlack war es auch, der Heinz Rühmann in dem auf der Forster Bahn gedrehten Film "Strich durch die Rechnung" gedoubelt hatte. Am 10. Juni 1933 stürzte Georg Pawlack in Halle und zog sich schwere Kopfverletzungen zu, an denen er einen Tag später verstarb. Nur ein paar wenige Schritte weiter von Pawlacks Grab befindet sich die Gruft derer von Würks, den ehemaligen Gutsbesitzern von Bohrau. "Als wir vor ein paar Jahren die Gruft besichtigten, kamen auch die Särge zum Vorschein. Ich kann Ihnen versichern, die sind noch prunkvoller gestaltet als der Sarg des Grafen Brühl", verriet Stefan Buss.

Heimlicher Star dieses Abends war zweifellos das Schloss Bohrau. Viele Besucher waren nur deshalb erschienen, weil an diesen Abend die Möglichkeit bestand, das Gebäude einmal von innen zu besichtigen. Viele Mythen ranken sich um dieses Schloss, das nach dem Krieg zunächst als Ferienlager diente, später Konsum-Schule war und seit 1957 bis zu seiner Schließung 2003 als psychiatrisches Pflegeheim fungierte. Vielen ist das Gelände nur vom Vorbeifahren bekannt, es hatte die Aura des Verbotenen und Befremdlichen. "Du kommst nach Bohrau" war ein häufig gehörter Satz zu DDR-Zeiten, wenn man jemanden beleidigen wollte. Und tatsächlich, das leer stehende Gebäude wirkt heute unheimlich und gespenstisch. Die vielen kleinen Räume, die verlassenen gefliesten Bäder und die niedrigen Gewölbe im Keller versprühen einen Charme, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Als Kulisse für einen Horror-Film wären die Räumlichkeiten ideal geeignet.

Unter den Besuchern war auch Schwester Monika, die bis zum Schluss als Pflegekraft hier ihren Arbeitsplatz hatte. Sie konnte viele Fragen der Gäste beantworten. Bis zu 86 Bewohner waren im Heim untergebracht. Der ehemalige Saal des Schlosses wurde zu einem Bettenzimmer umgestaltet, in dem sich acht Personen auf 40 Quadratmetern aufhielten. "Der Saal war nüchtern eingerichtet, es standen hier Bett, Nachttisch, Bett, Nachttisch Reihe an Reihe." verriet Schwester Monika. Nach dem Umzug des Pflegeheimes nach Forst blieb das Gebäude ungenutzt. Derzeit gehört es zwei Briten, die es aus einer Zwangsversteigerung für 64 000 Euro erworben haben und es aktuell für 123 000 Euro wieder verkaufen wollen.

Zurück in der "Oase" gab Stefan Buss den Besuchern einen kurzen Abriss über die Geschichte des Ortes. Archäologische Funde dokumentieren eine erste Besiedlung bereits in der Stein- und Bronzezeit.

Der Name Bohrau wird aus dem Wendischen hergeleitet und bedeutet soviel wie Auenwald. Als späteres Vasallendorf der Stadt Forst wurde Bohrau 1381 erstmals urkundlich erwähnt. Im Laufe der Jahrhunderte wechselten häufig die Eigentümer des Gutes. So tauchen in der Historie unter anderem die Familien von Löben, von Pannewitz, von Seidlitz und von Rabenau auf. Die Erbauung des Schlosses etwa um 1830 geht auf Ludwig Reinhard Würk zurück. Mit 445 Hektar Land war das Gut überdurchschnittlich groß, üblich seien damals 350 Hektar gewesen.

Einen großen Stellenwert nimmt das Gemeindeleben ein. 1924 wurde die freiwillige Feuerwehr gegründet, erster Wehrführer war Paul Lerke. Der Männergesangsverein gründete sich 1900. Dazu gab es den bereits erwähnten Radfahrverein "Frisch Auf".

Die Einwohnerzahl Bohraus schwankte immer um die 100 Bewohner. Mit Stand Ende 2016 lebten 89 Einwohner in Bohrau.

Zum Thema:
Der nächste Forster Geschichtsstammtisch findet am 28. September im Textilmuseum Forst statt. Als Fundusabend gedacht, geht es dann um die Hinterlassenschaften des ehemaligen "Forster Kreises", einem Zusammenschluss ehemaliger Forster, die während der deutschen Zweistaatlichkeit in die BRD übergesiedelt sind. (tfs1)