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Ein Höllenritt in die DDR-Geschichte

Cottbus. Es sind keine schönen Erinnerungen, die in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus geweckt und wachgehalten werden. Aber den Menschen, die unschuldig in Cottbus eingesessen haben, ist es wichtig, an das Unrecht zu erinnern, das ihnen dort getan wurde. Am Mittwoch wurde die neue Zeitzeugenzelle eröffnet. Nicole Nocon

Als Jörg Beier nach Jahrzehnten erstmals wieder seinen Fuß in das ehemalige Cottbuser Zuchthaus setzte, holte ihn die Erinnerung mit unerwarteter Macht ein: "Davor war ich der Meinung gewesen, dass ich die Zeit in Haft gut verkraftet hätte. Ich musste feststellen, wie tief das Erlebte noch in mir steckte und dass die Erfahrungen von damals noch lange nicht aufgearbeitet sind", erinnert sich der Künstler aus dem Erzgebirge, der 1970 wegen "Staatsverleumdung" in Cottbus inhaftiert war.

Im Musterzellenbereich der Gedenkstätte wurde gestern erstmals die neue Zeitzeugenzelle für die Öffentlichkeit aufgesperrt. Gleich gegenüber der Zellen, in denen Häftlingspritschen und blaukarierte Gefängnisbettwäsche einen Eindruck von den äußereren Lebensumständen der früheren Häftlinge vermitteln, warten nun Dokumente und Kunstwerke auf die Besucher, mit denen die ehemaligen Inhaftierten einen Blick auf ihre seelischen und körperlichen Qualen erlauben. Da sind Wandmalereien, Fotografien, Gemälde und Skulpturen, mit denen die Ex-Häftlinge das Erlebte zu verarbeiten versuchen. Einzelne Schicksale werden anhand von Fragebögen sichtbar gemacht, die die Betroffenen ausgefüllt haben.

Ein beeindruckendes Zeugnis des Leids, das die SED-Dikatur über die politischen Häftlinge gebracht hat, ist ein Interview-Film des Berliner Regisseurs Heiner Sylvester, der 20 Zeitzeugen gebeten hat, ihm ihre Erinnerungen an ihre Zeit im Cottbuser Zuchthaus zu schildern. 50 Stunden Filmmaterial hat er zu einem zweieinhalbstündigen Film zusammengefasst. In diesem berichten 20 ehemalige Gefangene über ihre Verhaftung, die Zwangsarbeit, über unmenschliche Bestrafungen aber auch über Widerstand und Solidarität unter den Inhaftierten und nicht zuletzt über ihr Streben, sich ihre Menschenwürde auch in einem Klima von Angst und Gewalt zu bewahren. "Cottbus, das war für mich ein Höllenritt. Ich zittere noch heute." Das habe ihm ein Gesprächspartner gesagt, erzählte Heiner Sylvester bei der Eröffnung der Zeitzeugenzelle. Das Erlebte aus der Erinnerung hervorzuholen, sei für viele der Menschen, die in seinem Film zu Wort kommen, Schwerstarbeit gewesen. Die Interviews können von den Besuchern der Gedenkstätte in der Zeitzeugenzelle auf zwei Bildschirmen abgerufen werden.

Auch Jörg Beier spricht in dem Film über seine Erlebnisse. "Es ist verdammt wichtig, an die dunklen Seiten der DDR zur erinnern, die von manchen inzwischen verklärt wird", sagt er. Wichtig sei ihm dabei der Blick nach vorn: "Es geht mir auch darum, heute zum Engagement für Menschenrechte anzuregen, die an vielerorts missachtet werden."

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