Mehr als 60 Gäste haben am Donnerstagabend den sechsten Fundusabend des Forster Geschichtsstammtisches im Brandenburgischen Textilmuseum besucht. Zumeist fachkundige Zuhörer konnte Museumsleiterin Michaela Zuber zu dem Vortrag über die ehemalige Spinnerei Karl Schulze begrüßen. Es war eine der kleineren Fabriken, deren Schicksal jedoch exemplarisch für die zahlreichen Hersteller in der einstigen Tuchmacherstadt ist.

Sechs große Alben mit Fotos und Dokumenten hatte der im Jahre 2015 verstorbene Karl Schulze jun. - Enkel des gleichnamigen Firmengründers - zusammengetragen und wie einen Schatz gehütet. Sein Bruder Günter, der den Fundusabend in Begleitung seiner Ehefrau Christa und seines Sohnes Mathias besuchte, übergab dieses wertvolle Firmenarchiv nun dem Museum als Leihgabe. Wie im Zeitraffer ließ Michaela Zuber anhand der Archivalien Firmen- und Stadtgeschichte vorüberziehen, erinnerte an Karl Schulze (1865 -1938). Der aus Strega Stammende hatte im Jahre 1886 die Gesellenprüfung als Schlosser bestanden, arbeitete später als Spinnmeister in Forst und baute im Jahre 1909 das Unternehmen auf. Drei Jahre später erwarb er laut den Unterlagen "zwei Sortimente Spinnerei samt Zubehör" zum Preis von 31 000 Mark. Anfangs liefen die Maschinen mit insgesamt 855 Spindeln noch in der Rüdigerstraße, im Hintergebäude des Fabrikbesitzers Hermann Brehmer. Doch im Jahre 1922 erlaubten die finanziellen Rücklagen den Bau eines Fabrikgebäudes "zum Zweck der Streichgarnspinnerei" mit Nebengebäuden und Sanitäreinrichtungen für durchschnittlich fünf weibliche und 20 männliche Arbeiter in der Wilhelmstraße 36 (inzwischen Jänickestraße). Fotos, Rechnungen, Feldpostbriefe aus zwei Weltkriegen, buchhalterische und Steuer-Unterlagen, kunstvoll gestaltete Briefbögen und immer wieder Zeitungsartikel ließen die Vergangenheit lebendig werden. Ende September 1943 mussten die Fabrikräume z für die kriegswichtige Deutsche Vergaser Gesellschaft geräumt werden. "Eine Heidenarbeit" sei dies gewesen, erinnert sich Günter Schulze noch heute. In Schuppen und Remisen eingelagert, überdauerte der Maschinenbestand bei Georg Schulze.

Drei Monate nach Kriegsende trat Karl Schulze jr. in die Firma ein und ein schweres Erbe an. Nach zunächst treuhändlerischer Verwaltung erfolgte im Februar 1946 die Wiedereröffnung als Lohnspinnerei, der ab 1950 die Umstellung zur Kaufgarnspinnerei folgte. "Der Name der Firma hat in der ganzen DDR einen guten Klang"; diese habe die staatliche Beteiligung beantragt, hieß es in der Lausitzer Rundschau anlässlich des 40-jährigen Betriebsjubiläums. Eine Neujahrskarte aus dem Jahre 1971 kündete noch von der "Hoffnung auf ein erfolgreiches Jahr". Zwölf Monate später hieß es, die Firma "erklärte sich bereit" ihre privaten Anteile zu verkaufen. Im späteren Werk I/16 des VEB Forster Tuchfabriken wurden vor allem Garne für kunstgewerbliche Heimtextilien hergestellt. Im Jahre 1990 konnte die Familie die Rückübertragung - jedoch ohne Maschinenpark - erwirken. Die wenigen Anlagen wurden um 1992 dem damals im Aufbau befindlichen Textilmuseums übergeben.

Eifrig wurde dort am Donnerstag in den Kopien der Alben geblättert. Wie wäre wohl das Leben der Eigentümerfamilie, die Entwicklung ihrer Firma und nicht zuletzt die wirtschaftliche Entwicklung der einst blühenden Stadt Forst ohne die beiden Weltkriege und die zwei folgenden gesellschaftlichen Umbrüche verlaufen? Mathias Schulze (54), der Urenkel des Firmengründers, schloss sein Studium der Textilmaschinenkonstruktion an der TU Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) im Wende-Jahr 1989 ab. Derzeit ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der BTU Cottbus-Senftenberg tätig. "Ich danke dem Textilmuseum im Namen der Familie für den facettenreichen Rückblick", sagte er. Er wisse das Firmenarchiv nun in guten Händen.