Von Angela Hanschke

„Beobachten – Verfolgen –Zersetzen“ hatte der Leiter der Brandenburger Außenstelle für die Stasi-Unterlagenbehörde (BStU) in Frankfurt (Oder)  den Vortrag über das Wirken der Stasi überschrieben. Das Interesse war groß. Erst als die Trennwand zum benachbarten Saal beiseite geschoben worden und zusätzliche Stühle gebracht worden waren, war im Sitzungssaal des Rathauses Platz für die mehr als 130 Einwohner aus Forst und Umgebung.

Bereits ab 14 Uhr gab es die Möglichkeit, sich beraten zu lassen. Mehr als 80 Bürger stellten dort einen Antrag auf Akteneinsicht. Zwei Drittel von ihnen zum ersten Mal überhaupt. Das zeige, wie wichtig es sei, die Unterlagen für Betroffene auch künftig offen zuhalten, betonte Sielaff. Noch immer seien die Wunden aus jener Zeit nicht verheilt; treibt die Vermutung, von Bekannten, Freunden oder gar Verwandten bespitzelt worden zu sein, die Menschen um.

„Es wird ein spannender Abend“, versprach Maria Nooke. Heute ist sie Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur (LAkD). Vor 30 Jahren war sie selbst aktiv in den kirchlichen Gruppen in Forst, die vor allem die Umweltvernichtung nicht mehr hinnehmen wollten. „Nicht jeder Bürger hat eine eigene Akte“, gab Sielaff aber auch zu verstehen. Für manche der 38 400 Einwohner im relativ kleinen DDR-Kreis Forst gab es lediglich Karteikarten. Andere Betroffene suchen noch immer nach jedem Hinweis.

33 laufende Meter Aktenmaterial haben 35 Hauptamtliche sowie zwei hauptamtliche Inoffizielle Mitarbeiter der MfS-Kreisdienstelle Forst in der Willi-Schmidt-Straße angelegt. „Besenrein“ habe sie  diese beim ersten Betreten vorgefunden, so Maria Nooke. Dennoch gibt es neben insgesamt 33 laufenden Metern noch 14 Säcke mit handzerrissenen Unterlagen. Aus zweien wurden in den Jahren 2009/2010 circa zwei laufende Meter Schriftgut und Karteien rekonstruiert. „Sammelgut“, das zur Archivierung in den „Verantwortungsbereich“ der MfS-Bezirksverwaltung Cottbus überging.

Vorgänge, die zur Wendezeit noch „brühwarm“ auf den Schreibtischen in Forst lagerten, wurden jedoch als erste vernichtet. Das, was vorliegt, ist in seiner Intensität beklemmend, manchmal an Banalität nicht zu überbieten. Referate mit den Schwerpunkten Auswertung/Information, Volkswirtschaft, Spionageabwehr, Ermittlungen und Sicherheitsüberprüfungen sowie das Referat „NVA-Forst“, das allein im Jahre 1971 insgesamt 173 IM zählte, gab es in Forst. Kritiker der Versorgungslage wurden erfasst, ebenso Nichtwähler, Nutzer von Wahlkabinen und die „provozierenden Fragen“, die Mitglieder des ökumenischen Friedenskreises Forst stellten, um die Manipulationen bei der Kommunalwahl am 7. Mai 1989 zu entlarven. Doch bereits in den 1970er-Jahren wurde bei Wahlen gefälscht, auch das haben Unterlagen verraten.

Neben der sogenannten Pastorenkartei gab es auch solche zur Post­überwachung und zu Kfz-Kennzeichen, eine Kartei von Schriftproben, die mit Hilfe von Kaderakten erstellt wurde. Fotos von geöffneten Westpaketen, Dokumente über entwendete D-Mark aus Briefen – all dies haben die „sammelwütigen Tschekisten“ der Nachwelt hinterlassen. Ebenso eine Ansichtskarte aus Hamburg mit der Nachricht „Wir haben es geschafft“.  Bedrückend eine Notiz aus dem Jahre 1977. Eine ängstliche Frau ließ die Möglichkeit eines Verwandtenbesuchs in der BRD auf dem Volkspolizei-Kreisamt durch ihren Ehemann Herbert abklären. Gelächter gab es beim Betrachten eines Zettels mit der Aufschrift „Dieses ist ein Geschenkset –  bestimmt für einen Kindergeburtstag. Nicht bestimmt für die Post-Schnüffler von Falkenberg …“.

Auch an die „Bändchenfahrer“ konnten sich die Zuhörer noch bestens erinnern. Geradezu groteske Züge nahm die „Stasi-Berichterstattung“ über berauschte Genossen aus Groß Schacksdorf an, die ein Tänzchen mit den dazu abgeneigten Damen eines Gesangsvereins begehrten. Zu den Zuhörern, die nach dem Vortrag Fragen stellten, gehörte auch Bernd Frommelt. Der ehemalige Stadtwehrführer interessiert  sich für die Rolle der Stasi in der Freiwilligen Feuerwehr Forst. „Stellen sie einen Forschungsauftrag“, riet Rüdiger Sielaff. Eine Möglichkeit, die Ingrid Ebert bereits in der Vergangenheit zur Erforschung der Geschichte der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Forst genutzt hat.

An Archivalien komme man auch über einen „Antrag als Dritter“ heran, denn oftmals sind Angaben zur eigenen Person in Akten eines Anderen enthalten. Betroffene erhalten ihre Unterlagen kostenlos. Spitzel müssen jedoch dafür zahlen. „Im kommenden Jahr wird es eine Wiederholung dieser Informationsveranstaltung geben“, versprach Sielaff. Dann sollen auch Themen wie die Versorgung im Krankenhaus und zur Versorgungslage behandelt werden, die am Dienstag nur angerissen werden konnten.

Anträge zur Akteneinsicht können auch über das Internet gestellt werden beim Bundesbeauftragen für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik auf der Internetseite www.bstu.de. Über die Bestände und die Arbeit in der für den Spree-Neiße-Kreis zuständigen BSTU-Außenstelle in Frankfurt (Oder) kann man  sich ebenfalls übers Internet informieren. Im Internet wird auch die Arbeitsweise erläutert und welche Voraussetzungen für eine Auskunft erfüllt werden müssen. Dort werden auch Führungen angeboten.