| 02:47 Uhr

Dunkles Erbe der Stasi lebt weiter

Spremberg. Nun wagt es die 59-jährige Cornelia Frenzel. Sie besucht die Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde. René Wappler

Vier Stunden lang helfen sie im Spremberger Rathaus den Gästen, die einen Antrag auf Akteneinsicht stellen wollen.

"Ich bin mir sicher, dass ich damals in der DDR bespitzelt wurde", sagt Cornelia Frenzel. "Jetzt will ich wissen, ob es wirklich jemand aus meinem privaten Umfeld war, wie ich immer vermutet habe."

Lange schob sie den Gedanken an die Akteneinsicht vor sich her - bis zur Ausstellung über die Arbeit der Staatssicherheit, die gerade im ersten Stock des Spremberger Rathauses zu sehen ist.

Der Elektriker Günter Bodach ist aus Ortrand nach Spremberg gefahren, um einen Antrag zu stellen. "Als ich die Akten eines früheren Arbeitskollegen anschauen durfte, war ich so erschüttert, dass ich mir gesagt habe: Es ist an der Zeit, mal in eigener Sache nachzufragen", erklärt er. "Die Stasi hat ja sogar Protokolle zu den Gespräche von Balkon zu Balkon in ihren Akten abgelegt."

Allein in den ersten zehn Minuten des Termins im Rathaus beraten die Mitarbeiter ein Dutzend Besucher. Vielleicht zählte der eine oder andere von ihnen zu den 162 Personen aus Spremberg, die der DDR-Geheimdienst im Jahr 1988 für den Transport in ein Isolierungslager vorgesehen hatte. Thomas Auerbach und Wolf-Dieter Seeler berichten in der Publikation "Vorbereitung auf Tag X": Innerhalb von 24 Stunden sollten im Ernstfall im ganzen Land geeignete Objekte mit Stacheldraht und Wachtürmen umgeben werden. Fast 86 000 Einwohner der DDR hätte die Stasi dort interniert, allein 2380 von ihnen aus dem Bezirk Cottbus, zu dem auch Spremberg und Schwarze Pumpe gehörten.

Dieser Ernstfall trat zwar nicht ein. Doch die Erinnerung an den Spitzelstaat verblasst nicht, wie Michael Körner feststellt, ein Mitarbeiter der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur. Er unterstützt die Besucher des Rathauses bei Fragen zum Ausfüllen der Anträge. "Das Interesse bleibt hoch", sagt er. "Immer wieder hören wir, dass Leute so lange mit dem Antrag gewartet haben, weil sie fürchteten, den Familienfrieden zu zerstören."

Auch danach müssen sie Geduld aufbringen. Drei bis sechs Monate dauern die Recherchen zur Frage, ob eine Akte vorliegt. Dann bekommt der Antragsteller ein Auskunftsschreiben, auf das in aller Regel eine weitere Wartezeit bis zu drei Jahren folgt. Derzeit bearbeiten die Fachleute Anträge aus dem Jahr 2014.

Cornelia Frenzel aus Spremberg äußert sich froh darüber, dass die Stasiunterlagen-Behörde existiert- auch wenn noch mehrere Jahre vergehen, bis sie wissen wird, ob der Geheimdienst Interesse an ihrem Leben zeigte. "Der Verdacht lässt sich halt nicht so einfach ausräumen", sagt sie. "Man denkt öfter darüber nach."