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"Du unglücklicher Sklave eines hohen Schicksals"

Friedrich II. auf einem Gemälde von 1781.
Friedrich II. auf einem Gemälde von 1781. FOTO: pm
Forst/Potsdam. Die Geschichte des Grafen Heinrich von Brühl (1700 bis 1763) ist eng verbunden mit der Geschichte Friedrichs des Großen (1712 bis 1786). Brühls politische Erfolge auf Europas diplomatischer Bühne waren immer auch Erfolge gegen Preußen. Friedrich der Große macht ihn dafür zu Ziel seines Hasses – und verunglimpfte Brühl bis in die Gegenwart. Bodo Baumert

Das erste Zusammentreffen der beiden Protagonisten verlief noch sehr harmonisch. Im Zeithainer Lustlager, in dem Sachsens August der Starke seine Pracht demonstrierte, wurde Brühl von Friedrichs Vater mit dem preußischen Adlerorden ausgezeichnet. Friedrich gehörte zu den ersten Gratulanten, die Brühl für die Organisation des Lustlagers überschwänglich lobten. "Beide verstanden sich prächtig, nur stellte eben noch keiner von ihnen etwas dar", fasst es der Historiker und Brühl-Biograf Walter Fellmann zusammen.

Doch während Zeithain für Brühl zum entscheidenden Meilenstein einer von da an steil aufsteigenden Karriere wurde, war es für Preußens späteren König der Ausgangspunkt einer traumatischen Jugendepisode. In Zeithain fasste Friedrich den Plan, vor seinem Vater zu fliehen. Der Versuch aus dem Reisequartier bei Steinsfurt zu entkommen, scheiterte allerdings kläglich. Friedrich Wilhelm I. ließ daraufhin den Vertrauten seines Sohnes, Hans Hermann von Katte, hinrichten.

Ob sich damals bereits der tiefe Hass Friedrichs auf Brühl prägte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Fest steht: Es gab ihn. Gräfin Brühl schrieb später in einem Brief an ihren Sohn Aloys Friedrich von einem "ganz eigentümlichen und persönlichen Hass des Königs von Preußen gegen Deinen Vater". Der ungarische Historiker Aladar von Boroviczeny führt dafür vor allem die politische Rivalität Sachsens und Preußens an. Mehrfach hatte Brühl die Pläne des ehrgeizigen Preußen erschwert. "Dass der ihn deswegen hasste, ist menschlich nicht unverständlich", so Boroviczeny.

Dass sich der Hass Friedrichs dabei nicht auf den sächsischen Kurfürsten sondern auf dessen Minister richtete, liegt in der politischen Konstellation in Sachsen begründet. Ein Hofnarr soll es in Dresden laut Fellmann so auf den Punkt gebracht haben: "Worin liegt der Unterschied zwischen Friedrich II. und Minister Brühl? König Friedrich II. ist sein eigener Minister, Minister Brühl sein eigener König." Friedrich untersetzt dieses Bild des schwachen Königs, der von Brühl gesteuert wird, in seinen eigenen Schriften. So spottet er in seiner Ode "Au comte de Brühl" über den "armseligen Sklaven im hohen Amt", verdammt einen "trägen König" zu leiten. "Die Literatur wäre ohne diese Ode nicht ärmer", lautet Fellmanns trockenes Urteil. Nachhaltige Wirkung hatte Friedrich mit seinem Brühlbild dennoch. "Friedrich II. hat durch Propagandaschriften erheblich zu Brühls Negativ-Image beigetragen, und die borussisch geprägte Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts hat - in der Glorifizierung der Preußenkönige - dieses Bild als Tradition fortgeschrieben", so der Forster Stadtarchivar Jan Klußmann.

Dass Friedrich II. sich so auf Brühl fokussierte, kann auch als Kompliment an den Sachsen gesehen werden. "Friedrich II. hat in seinem Leben nur einen anderen Menschen außer dem Vater gefürchtet: den Grafen Heinrich von Brühl", erklärt der Potsdamer Historiker Jürgen Luh. Denn Preußens Aufstieg unter Friedrich dem Großen war keine Selbstverständlichkeit. Mehrmals hätte Friedrichs waghalsige Politik auch Scheitern können, woran Brühl nicht unschuldig war. So wechselte Sachsen zwischen dem ersten und zweiten schlesischen Krieg die Seiten, von Preußen nach Österreich. Friedrich selbst wettert in seiner Geschichte der Zeit, Sachsens habe seinen Truppen 1744 die Durchfuhr von Lebensmitteln verhindert und so das preußische Heer vom Nachschub abgeschnitten.

Brühls größter diplomatischer Erfolg war die Mitarbeit am so genannten Umsturz der Bündnisse, bei dem die bisherigen Erzfeinde Frankreich und Österreich Bündnispartner wurden, und damit zu einer mächtigen Allianz gegen das aufstrebende Preußen. Brühl habe eine "Verschwörung" gegen ihn angezettelt, schrieb Friedrich im Entwurf seines nicht veröffentlichen "Manifests gegen Sachsen". "Er war auf Preußens Macht eifersüchtig und bemühte sich Hand in Hand mit dem Wiener Hofe, den Hass und den Neid, der ihn selbst verzehrte, auf den Petersburger Hof zu übertragen", so Friedrich über Brühl.

Der Wechsel im europäischen Bündnis-System mündete schließlich in den Siebenjährigen Krieg (1756-1763), an dessen Ende Preußen als Großmacht in Europa etabliert war. Es hätte allerdings auch anders ausgehen können. "Hätte Preußen den Siebenjährigen Krieg verloren - und diese Möglichkeit bestand bei seinen zahl- und machtreichen Gegnern -, wäre Brühl und nicht Friedrich der große Mann in der Geschichte geworden", so Luh.

Friedrich freilich siegte, auch weil er Brühl möglicherweise auf dem diplomatischen Parkett unterlegen, in militärischen Dingen aber weit überlegen war. Vom Einmarsch in Sachsen zu beginn des Siebenjährigen Krieges bis zum Einmarsch in Dresden vergingen 1756 nur wenige Tage.

Brühl musste gemeinsam mit seinem Kurfürsten nach Polen fliehen. In Dresden hatte nun Friedrich das sagen. Demonstrativ nahm er ihm Brühlschen Palais Quartier. Die Gräfin Brühl wurde zunächst gezwungen, aus dem Palais auszuziehen und schließlich ihrem Mann nach Warschau zu folgen. Ihrem Mann sollte sie im Namen Friedrichs ausrichten: "Ich für meinen Teil suche nicht seine Zuneigung, dazu verachte ich ihn zu sehr und habe Mittel und Wege genug, meine offenen und verborgenen Feinde zu vernichten, ohne mich dabei niedriger Handlungen und Grausamkeiten zu bedienen."

Dass Friedrich selbst Brühl zu Anfang seiner Karriere ein Angebot gemacht hatte, in den Dienst Preußens zu wechseln, verschwieg er. Auch die Behauptung, er müsse nicht auf "niedrige Handlungen und Grausamkeiten" zurückgreifen, widerlegte er selbst in den folgenden Monaten. So ließ Friedrich Befehl geben, die Besitzungen Brühl zu plündern, etwa in Groschwitz (heute Elbe-Elster) oder Nischwitz bei Leipzig.

Am 1. September 1758 ordnete Friedrich zudem an, den Brühlschen Familiensitz in Pförten (heute Brody) zu verbrennen. "Friedrich wollte den gefürchteten Widersacher nicht nur moralisch diskreditieren, sondern auch physisch zerstören und über ihn triumphieren. Das ist ihm gelungen", so Historiker Luh. Aus Brühls Nachlass ließ der Preußenkönig später 480 Spiegel und Spiegelteile kaufen und damit das Neue Palais in Potsdam schmücken.

Brühl musste in seinen letzten Lebensjahren dem Triumph seines Gegners hilflos zuschauen. Seine einzige Möglichkeit der Rache war es, die europäische Öffentlichkeit über Friedrichs Treiben auf dem Laufenden zu halten. Über Sachsens Gesandten in Paris ließ er die dortigen Zeitungen informieren, verbreitet selbst eine Flugschrift, die die Schriftwechsel Friedrichs II. und der Gräfin Brühl beinhaltete. Brühl richtete sein Flugblatt an den Herrn H., womit er auf Herostratos hinweisen wollte. Jener Grieche soll im Jahr 356 vor Christus den Artemistempel in Ephesos angezündet haben, um in die Geschichte einzugehen. Eine kleine verbale Rache im Vergleich zu den Worten, mit denen Friedrich seinen Widersacher bedachte: "Er war doppelzüngig, falsch und zu den niederträchtigsten Handlungen bereit."