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| 16:50 Uhr

Schlesisches zum Kosten
Döbern entdeckt das Schlesische im eigenen Ort

Heike Balzer, die Vorsitzende des Heimatvereins, brachte mit weiteren Mitgliedern das „Schlesische Himmelreich“ unters Volk.
Heike Balzer, die Vorsitzende des Heimatvereins, brachte mit weiteren Mitgliedern das „Schlesische Himmelreich“ unters Volk. FOTO: Angela Hanschke
Döbern. Heimatverein lädt zu einer ungewohnten Expedition ein.

Liebe geht durch den Magen. Heimatliebe wohl auch. Viele der rund 300 Besucher haben am Montagabend beim 14. geschichtlichen Vortragsabend des Vereins „Döberner Heimatfreunde“ im Deutschen Haus zu den Löffeln gegriffen.

Vorausgegangen waren die Ausführungen von Frank Bernhard, der den schlesischen Spuren in seiner Heimatstadt nachging. Diese sind dicht gesät, denn die aufstrebende Döberner Glasindustrie „schrie“ einst geradezu nach Fachpersonal. Das zog bereits im 19. Jahrhundert der Arbeit hinterher. Aus Schlesien, dem Sudentenland, dem Glatzer Land, aus Ungarn, Bayern und Böhmen strömten die Glasmacher in das damalige Industriedorf, in dem die Glashütten beinahe wie Pilze aus dem Boden schossen. Eine lokale gründerzeitliche Erfolgsgeschichte.

„Was verbindet uns mit der Region beiderseits des Ober- und Mittellaufs der Oder, die sich im Süden entlang der Sudeten und Beskiden erstreckt, seit dem Jahre 1945 zum größten Teil zum polnischen Territorium gehört und dort den Namen Slask trägt?“, hat der Döberner Heimatfreund akribisch in historischen Unterlagen aber auch in Polen recherchiert. Gemeinsam mit Wanderfreunden warf er einen Blick in die stillgelegte Josefinenhütte in Schreiberhau (Szklarska Poręba). Ob die Döberner Bezeichnung „An der Schneekoppe“ zwischen Aufbau- und Spremberger Straße etwa auf zugewanderte Glasexperten aus dem Riesengebirge zurückgeht? „An schönen Tagen kann man vom Döberner Berg, der höchsten Erhebung in der Stadt bis zur echten Schneekoppe schauen“, verriet Frank Bernhard, der auch das polnische Schreckendorf (Strachocin), die älteste Siedlung im Glatzer Land, besuchte. Bereits 1756, ein Jahrhundert vor der Geburt der Döberner Glasindustrie, wurde in der „Oranienhütte“ Kristallglas produziert. Gern hätten die wissbegierigen Deutschen auch einen Blick in deren Nachfolgewerk „Violetta“ geworfen, scheiterten jedoch am strengen Pförtner.

Im Jahre 1874 wurde Franz Mader Senior in Schreckendorf geboren. 21-jährig verschlug es den Glasmacher nach Döbern, wo er die Firma „Brox und Mader“ mitbegründete. Er lieferte auch den Text für das Döberner Heimatlied, mit dem traditionsgemäß die jährlich stattfindende Vortragsreihe der Döberner Heimatfreunde eröffnet wird.

Die schlesischen Zuwanderer brachten nicht nur ihre Handwerkskunst mit sondern auch ihren Zungenschlag, der noch manchmal auf Döberns Straßen zu hören ist. Und ihren Glauben. 100 Katholiken lebten ums Jahr 1888 in Döbern. Eine katholische Schule entstand und ab 1906 die katholische Kirche „Corpus Christi“. Ihr erster, aus Schlesien stammender Pfarrer Wilhelm Stark wandte sich nach Breslau (Wrocław), dem Sitz des ursprünglichen Mutterhauses der Hedwigschwestern. Ihren Namen verdankt diese Kongregation der Heiligen Hedwig, der Schutzpatronin Schlesiens. Vier Schwestern kamen nach Döbern, nahmen im November des Jahres 1926 in der ehemaligen, von der Kirchengemeinde erworbenen Gülke-Villa, die mit Krankenhaus und Entbindungsstation zum Charitas-Heim wurde, ihre  Arbeit auf.

 Und den Geschmack ihrer Heimat brachten die Neu-Döberner ebenfalls mit. Am legendären „Schlesischen Himmelreich“ scheiden sich die Geister. Man mag dieses süß-saure Gericht mit Dörrobst, Rosinen, Rauchfleisch und schlesischen Klößen, oder man macht einen Bogen darum. Noch in den 1980er-Jahren erwies sich diese Spezialität in Döberner Kitas, Schulen und insbesondere in der Betriebskantine des „VEB Döberner Glaswerk“ als kulinarischer Schlager. Am Montag hat Angelika Penk dieses „Himmelreich“ für die Vortragsbesucher zubereitet. Herzhaft gelacht wurde, als Frank Bernhard daran erinnerte, dass ein Ortsfremder die entrüstete Köchin im Glaswerk fragte: „Was isn das? Sind das Reste?“