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Die kurze Geschichte des Rathenauplatzes

Forst.. Zu den bekanntesten Plätzen im ehemaligen Stadtteil Forst-Berge gehörte neben dem Frie drich-Ebert-Platz der Rathenauplatz an der Langen Brücke. Er befand sich gegenüber der so genannten Seufzerbrücke in Verlängerung der Sorauer Straße. Von Hans-Joachim Schulz

Der Tuchmacherbrunnen, wie er sich heute präsentiert.Der Rathenauplatz in Berge war städtebaulich durchdacht. Heute gibt es ihn nicht mehr.Diese Neißebrücke war bis 1921 ein Holzbau, erst 1921/22 wurde 30 Meter flussaufwärts die neue Brücke errichtet. Die Kreuzung der zur Langen Brücke führenden Straßen mit den Uferstraßen führte zur Schaffung von Brückenkopfplätzen. Gleichzeitig wurde auf der Bergschen Seite der Rathe nauplatz angelegt. Auf der Forster Seite musste man wegen des Niveauunterschiedes den Gutenbergplatz erhöhen.
Ab dem Jahr 1922 konzentrierte sich die städtische Wohnungsbautätigkeit insbesondere auf die Neißegegend. Nach den Plänen des Forster Stadtbaurates Dr. Kühn entstanden am Rathenauplatz und am Friedrich-Ebert-Platz städtebaulich interessante Baugruppen.
Auf dem Rathenauplatz hat der vom Dresdener Bildhauer Johann Ernst Born geschaffene Tuchmacherbrunnen einen besonderen Blickpunkt. Aus den Mündern der in den Brunnenwänden eingelassenen Köpfe sprudelte ein kleiner Wasserstrahl in die Wasserbecken.
Die Stadt errichtete 1922 am Rathenauplatz eine Gruppe aus neun Häusern mit 69 Wohnungen. Das große Foto zeigt in der hinteren Bildmitte das 1923 gebaute städtische Fürsorgeheim mit dem Dachtürmchen am Heinrich-Heine-Damm und die Rückfronten der ab 1926 errichteten Wohnhäuser am Friedrich-Ebert-Platz. Ganz rechts am Bildrand sind die Wohnblöcke am Kegeldamm sichtbar.
Am Rathenauplatz befand sich neben der am Wohnblock beginnenden Schlageterstraße eine etwas tiefer gelegene kleine Grünanlage entlang des Heinrich-Heine-Dammes mit Bäumen, Sträuchern, Wegen und Sitzgelegenheiten.
Während der wochenlangen Kämpfe im Frühjahr 1945 bildete Berge einen Brückenkopf in der Hauptkampflinie. Insbesondere die Gebäude an der Neiße, vor allem aber der Rathenau- und der Frie drich-Ebert-Platz wurden vom ständigen Artilleriebeschuss getroffen. Am Rathenauplatz wurden alle neun Häuser mit den 69 Wohnungen ein Opfer der Flammen, ab 1950 wurden diese Ruinen, aber auch die Pflastersteine und Bordsteinkanten des Platzes und der Gehwege entfernt. Der Platz verwilderte. An den einst schönen Rathenauplatz erinnern heute nur noch die beiden Betonmasten der Platzbeleuchtung.
Dem Tuchmacherbrunnen fehlt heute die Tuchmacherfigur mit dem Korb voller Webschützen im linken Arm. Die Skulptur soll sich angeblich in Privatbesitz in Zielona Góra (Grünberg) befinden. An den mit Neißekies verputzten Brunnenwänden in Berge nagt nach 58 Jahren der Zahn der Zeit und lässt das Bauwerk immer mehr zerbröckeln. Besucher, die über den neuen Grenzübergang nach Zasieki, dem ehemaligen Stadtteil Berge fahren, sollten ab dem neuen Kreisverkehr über die ungepflasterte Straße einen Abstecher zu diesem ehemaligen Wahrzeichen von Forst, dem Tuchmacherbrunnen, unternehmen.