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| 14:46 Uhr

Erinnerung
Der Alltag im DDR-Grenzturm

Jörg Moser-Metius und Sigurt Dittrich im Gespräch über den Alltag an der einstigen Grenze und zwei NVA-Stiefel.
Jörg Moser-Metius und Sigurt Dittrich im Gespräch über den Alltag an der einstigen Grenze und zwei NVA-Stiefel. FOTO: Angela Hanschke
Berlin/Groß Schacksdorf. Sigurt Dittrich aus Groß Schacksdorf erinnert sich. In Berlin bestaunen Touristen seine Stiefel. Von Angela Hanschke

Vor 57 Jahren am 13. August wurden die Grenzen geschlossen. Zwei Tage später begann der Bau der Berliner Mauer. Zwei Generationen lang trennte sie die Stadt, zerriss viele Familien. Weit über 100 Tote verzeichnet die Liste der Maueropfer. Millionen Berlin-Besucher begeben sich jährlich auf die Suche nach den Relikten. Nur noch Wenige vermitteln ein authentisches Bild. Eines davon hat Jörg Moser-Metius gerettet – einen Beobachtungsturm in der Erna-Berger-Straße, unweit vom Potsdamer Platz. Es ist der letzte von insgesamt 420 Wachtürmen des Typs BT6, die aus sechs Betonringen zusammengesetzt wurden. Jeweils zwei Grenzposten drängten sich dort Rücken an Rücken.

Einer von ihnen war Sigurt Dittrich aus Groß Schacksdorf. Geboren am 1. Dezember 1961, dem Tag der Grenztruppen im Jahr des Mauerbaus. Ein intaktes soziales Umfeld, enge Familienbindungen galten als Auswahlkriterien für den Grenzdienst. „Ich hatte eine feste Beziehung zu meiner jetzigen Frau Sylvia. Unser erstes Kind hatte sich angekündigt“, umreißt er die damalige Situation. 18 Monate lang wurde er in sämtlichen Grenzübergangsstellen Berlins eingesetzt, sah Herbert Wehner im Zug nach Warschau, ebenso prominente DDR-Schauspieler die innerdeutsche Grenze mit dem Pkw passierend. In der RUNDSCHAU las er einen Bericht über den Grenzturm und nahm Kontakt zu Jörg Moser-Metius auf, der Mitte der 1970er Jahre nach Berlin kam, um Theaterwissenschaft  und Geschichte zu studieren. Großes Interesse fand sein Projekt „Berlin Wall Exhibition“, in dem er zum 25. Jahrestag des Mauerbaus dessen Geschichte detailgetreu rekonstruierte. Nach wie vor sucht der Historiker nach Räumlichkeiten für eine Dauerausstellung und Kooperationspartnern. Besorgt beobachtete er wie der Mauerturm nach der Wiedervereinigung verfiel, kaufte ihn vom Bezirksamt Mitte, um ihn privat mit Hilfe von Sponsoren zu renovieren und für die Nachwelt zu erhalten. „Es war ein Kraftakt, der schätzungsweise 50 bis 60 Tausend Euro verschlang“, sagt er. Vier Monate war der Turm eingerüstet. Strom- und Telefonleitungen wurden verlegt, die komplette Innenelektrik sowie die Suchscheinwerfer wiederhergestellt. Heute ist der Turm Geschichte zum Anfassen und täglich geöffnet von 11 und 17 Uhr. Der BT6 ist ein beliebtes Fotomotiv. Touristen kaufen Ansichtskarten, bestaunen die Stiefel des Groß Schacksdorfers auf der gegenüberliegenden Straßenseite und die „originale, jedoch entmilitarisierte“ Kalaschnikow am Eingang.

Jörg Moser-Metius und Sigurt Dittrich am Fuße des Wachturms.
Jörg Moser-Metius und Sigurt Dittrich am Fuße des Wachturms. FOTO: Angela Hanschke

Außen Beton, unten rund und oben achteckig. Zwei eiserne Leitern im Inneren führen die wenigen Meter nach oben, auf Höhe der Baumkronen. Dort angekommen  haben Besucher durch eine kleine Fensterluken einen freien Blick – so wie einst den Grenzsoldaten. Wer die schmale Leiter erklimmt, kommt nachdenklich herunter.

„Im Sommer herrschte brütende Hitze, im Winter froren wir. Für den Toilettenbesuch musste per Funk der Gruppenführer angefordert werden, der dann mit dem Krad samt Ersatzmann angebraust kam“, erinnert sich Sigurt Dittrich. „Von diesem Turm wurde nie geschossen, aber auch kein Fluchtversuch unternommen“, sagt er. Gelegenheit zur Flucht hätte es mehrmals gegeben. „Come on boy“ riefen die amerikanischen GI´s, während der 18-Jährige darüber nachdachte, wie es wäre „nur mal zu gucken“.