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Den berühmten Strohhalm packen

Spree-Neiße. Michael* (17) ist vor reichlich zwei Jahren an die neue Schule gekommen – seine Eltern waren umgezogen. Erst gefiel es ihm an der neuen Schule, doch dann wurde es schwieriger: Falsche Worte von ihm hätten dazu geführt, dass auch der Umgang der Lehrer mit ihm schwieriger wurde, berichtet er – kurzum, er sei nicht mehr klargekommen. Steffi Ludwig

Er hatte jedoch gehört, dass es in Spremberg die Lernwerkstatt Sprungbrett der Stiftung SPI (Sozialpädagogisches Institut Berlin "Walter May") gibt.

Seit diesem Schuljahr ist er nun hier und kann genau wie Stefan* (16) nur Gutes berichten. Es sei hier viel ruhiger, ihm werde mehr geholfen, sagt Stefan, der mit den großen Klassen in der "normalen" Schule nicht zurechtkam.

Hier, in der Lernwerkstatt, die es seit 14 Jahren gibt, deren Projekt aber immer wieder einen neuen Namen trägt, wie Projektleiter Benjamin Schorg berichtet. Momentan heiße es Schule/Jugendhilfe 2020. Aller zwei Jahre müsse sich die Stiftung SPI um eine Weiterführung bewerben, was eine Kontinuität erschwere, so Schorg. Denn gefördert werde es zu 75 Prozent vom Europäischen Sozialfonds und zu 25 Prozent vom Land. Nach 2020/2021 soll es nach jetzigem Stand keine weitere Förderung geben. "Das wäre sehr schade, denn das Projekt hat einen enormen Mehrwert für die Gesellschaft", so Benjamin Schorg. "Wir wollen Schulverweigerern einen Ort bieten, an dem sie ihren Schulabschluss machen können."

Und das mit Erfolg: Im vergangenen Jahr haben von zwölf Schülern neun einen Abschluss gemacht, haben also den berühmten Strohhalm gepackt. Mit dieser Quote von 75 Prozent liege die Lernwerkstatt über dem Landesdurchschnitt, der einen Anspruch von mindestens 50 Prozent hat, freut sich Schorg. Zwei Schüler sind ein weiteres Jahr geblieben, einer sei ohne Abschluss gegangen.

Und so ist das Prozedere: Die jeweilige Schule melde einen eventuellen Kandidaten, der Projektbeirat entscheide dann über die Teilnahme. In kleinen Gruppen lernen zwölf bis 14 Jugendliche gemäß Lehrplan. "Wir versuchen, den Stoff verstärkt fächerübergreifend zu gestalten", so der Projektleiter. So habe es jetzt das Projekt Lausitz gegeben, das in Geschichte, politischer Bildung oder Geografie eingebunden wurde. "Wir versuchen, den Frontalunterricht aufs Minimalmaß zu reduzieren und mehr Zeit darauf zu verwenden, Talente und Stärken zu fördern." Zensuren gibt es - das verlangten die Schüler. Die Lehre teilten sich mehrere Lehrer der BOS sowie zwei Sozialpädagogen. Wichtig seien auch die Gesprächsrunden sowie die enge Zusammenarbeit mit der Berufsberatung.

Auch bei Michael und Stefan sieht es gut aus: Michael will eine Altenpflege-Ausbildung an seinem Wohnort beginnen, Stefan strebt eine Ausbildung zum Tiefbaufacharbeiter in Cottbus an, denn das sei die Voraussetzung für Höheres: Er will Beamter in der Berufsfeuerwehr werden.

*Beide Namen wurden von der Redaktion geändert

Zum Thema:
Zum Projektbeirat gehören Vertreter des staatlichen Schulamtes, des Landkreises Spree-Neiße, der Kooperationsschule Berufsorientierende Oberschule (BOS) Spremberg, der Schulsozialarbeit und des Trägers. Von den neun Schülern mit Abschluss im vergangenen Jahr in der Lernwerkstatt haben vier eine Ausbildung begonnen, einer macht sogar die 10. Klasse, die anderen haben eine überbetriebliche Ausbildung oder berufsbildende Maßnahme gestartet.