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Das Birkenwäldchen wurde zum Massengrab

Rudi Krüger (l.) lebte 1945 im mittleren der drei Mehrfamilienhäuser im Conradgrubenweg. Er erlebte den Einmarsch der Russen mit.
Rudi Krüger (l.) lebte 1945 im mittleren der drei Mehrfamilienhäuser im Conradgrubenweg. Er erlebte den Einmarsch der Russen mit. FOTO: trt1
Groß Kölzig. Das beschauliche Groß Kölzig ist am Ende des Zweiten Weltkrieges Schauplatz einer blutigen Tragödie geworden. Wenn Wolfgang Grätz über das Birkenwäldchen spricht, bittet der 78-Jährige seine Zuhörer um Ruhe. trt1

Was sich dort am Vormittag des 17. April 1945 ereignet hatte, weckt in dem pensionierten Lehrer besondere Emotionen. Grätz, der in der Mannschaft der Groß Kölziger Heimatstube tätig ist und sich als Gästeführer im Muskauer Faltenbogen engagiert, spricht von einer der "größten Tragödien zum Ende des Krieges in der Region".

Blutige Tragödie

"An jenem Dienstag", so erzählt Wolfgang Grätz, "stürmten die sowjetischen Soldaten vom Sportplatz und von der Dorfstraße in diesen Wald. Dort lagen die Deutschen, die meisten keine 18 Jahre alt. Sie wurden von den Russen sofort erschossen, niedergeschlagen, abgestochen. Die verwundeten Soldaten im nahen Sanitätsbunker sind mittels Flammenwerfer ausgeräuchert worden." Grätz hat recherchiert, dass knapp 80 deutsche und 20 bis 30 russische Soldaten bei diesem Massaker ihr Leben verloren. Der damals Achtjährige, der nur einen Steinwurf vom Birkenwäldchen entfernt wohnte und dort bis heute lebt, sei zu jenem Zeitpunkt mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder bereits auf der Flucht vor der Front gewesen. Später habe Gerhard Rogenz, der das Geschehen aus einem Keller beobachtete, von dieser Tragödie berichtet.

Heute erinnert nur noch wenig an das Grauen von vor 70 Jahren. Das Birkenwäldchen hatte sich bereits in den Jahren 1956/1957 zu einer Wohnsiedlung gewandelt. An der Bahnhofstraße steht noch eine alte Kiefer, deren Stamm vom Einschlag eines Geschosses kündet.

Anlässlich der 70. Wiederkehr des Kriegsendes in Groß Kölzig hatte das Team der Heimatstube die Einwohner zu einem Vortrag und zu einer Exkursion zu den Schauplätzen geladen. Weit über 100 Gäste begaben sich auf Spurensuche. Warum ausgerechnet die Industriegemeinde Groß Kölzig am 16. und 17. April 1945 so umkämpft war, erklärt Heimat-historiker Hans-Jürgen Paulig so: "Entlang der Neiße befand sich die erste Verteidigungsstellung der Deutschen, an der Bahn von Forst nach Weißwasser die zweite und an der Spree die dritte. Und in Kölzig wurde erbitterter Widerstand geleistet." Soldaten wie Zivilisten waren angesichts des schnellen Vorstoßes der Sowjets gleichermaßen überrascht. Von der zehn bis zwölf Kilometer entfernten Neiße brauchten diese nur zwei bis drei Stunden bis Groß Kölzig. Aufgrund der etwas erhöhten Lage des Ortes hatten die Deutschen eine gute Sicht. "Sobald der Feind aus den Wäldern kam, wurde er niedergemäht", erklärt Paulig. Doch die Rote Armee überrannte am Ende den Ort regelrecht.

Zeitzeugen berichten

Ältester Zeitzeuge während der Gedenkwanderung war der 84-jährige Rudi Krüger. Er erlebte als 14-Jähriger mit, wie die Rotarmisten in sein Haus im Conradgrubenweg eindrangen. Dann mussten sich alle Bewohner des Hauses an die Wand stellen. "Erschossen wurde dort zum Glück niemand", berichtet er.

Nach "nur" 36 Stunden waren am 17. April 1945 die Kämpfe um Groß Kölzig vorbei. Die Sowjets wollten schließlich schnell nach Berlin.