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Damit Erinnerung lebendig bleibt

Die Lausitz auf einem begehbaren Kartenteppich: Dörthe Stein mit dem Infosauger im Archiv verschwundener Orte.
Die Lausitz auf einem begehbaren Kartenteppich: Dörthe Stein mit dem Infosauger im Archiv verschwundener Orte. FOTO: Steffi Ludwig
Forst. Durch Abbaggerung verschwundene Orte lebendig halten mit Zeitzeugen-Erinnerungen, Fotos, Informationen – das kann das Archiv verschwundener Orte im Forster Ortsteil Horno auf einmalige Weise. Am 3. November feiert es gemeinsam mit dem kirchlichen Informations- und Begegnungszentrum Horno, das genau gegenüber liegt, zehnjähriges Jubiläum. Eine Finanzierung im nächsten Jahr ist gesichert. Steffi Ludwig

Sie breitet sich nicht nur wie ein Teppich vor einem aus, die Lausitz - sie ist ein Teppich. Auf leuchtendem Gelb sind die wichtigsten Orte von Zittau bis Beeskow eingetragen, versehen mit einem schwarzen Punkt. Dazwischen mit rotem Punkt markiert: 136 Orte, die vom Tagebau abgebaggert wurden. 87 sind ganz von sonstigen Landkarten verschwunden, bei 49 sind es Ortsteile, die weg sind.

Mit einem sogenannten Info sauger können Besucher die Orte "anfahren" und per Klick auf dem Bildschirm Informationen abrufen: historische Fotos, Informationen zur Ortsgeschichte, Ortserinnerungsstellen. "Inzwischen haben wir so viel zusammengetragen, dass man sich tagelang informieren könnte", schmunzelt Dörthe Stein. Die 47-jährige gelernte Bankkauffrau führt seit Anfang an durch das Archiv verschwundener Orte. "Es kommen viele Radtouristen zu uns, aber auch Reisegruppen, Schulklassen oder Weiterbildungen", berichtet sie. Meist einen ganzen Tag blieben oft Studenten, die sich hier eingehend über das Thema informieren können. Über Audiogeräte gebe es Hörbeiträge und Filme zu entdecken, in Vitrinen sind Leihgaben von Zeitzeugen zu sehen.

Dörthe Stein ist gleichzeitig Zeitzeugin und hat ihre Arbeit auch zur Aufarbeitung genutzt: Denn sie wurde in Horno geboren und ist nach dessen Abbaggerung nach Neu-Horno gezogen, wo auch das Archiv untergebracht ist. Noch - denn momentan überlegt die Stadt Forst in einer Machbarkeitsstudie für das Brandenburgische Textilmuseum, eventuell das Archiv auch dort zu integrieren, da es jetzt in Horno recht abgelegen ist. Darüber werden die Stadtverordneten bald diskutieren.

Geklärt ist dafür die Finanzierung für 2017: Denn im Dezember 2016 läuft die Vereinbarung zwischen dem Betreiber des Archivs, der Stiftung Horno, sowie der Stadt Forst und der Domowina aus. Doch die Stadtverordneten haben beschlossen, weiterhin die anteiligen Personalkosten zur Verfügung zu stellen, und auch die Domowina zahlt ihren projektbezogenen Beitrag weiter, bestätigt deren Geschäftsführer Bernhard Ziesch auf Nachfrage. "Dass das Archiv erhalten bleibt, ist unstrittig", so Verwaltungsvorstand Sven Zuber. "Es ist für uns ein wichtiges Bekenntnis zu Horno." Dazu gehört auch das kirchliche Informations- und Begegnungszentrum Horno, das ebenfalls vor zehn Jahren in der neuen Hornoer Kirche gegenüber eröffnete.

Dass die Besucherzahlen leicht rückläufig sind - 2015 kamen 630 Gäste - liege laut Dörthe Stein auch daran, dass sie seit 2014 allein ist und somit die Öffnungszeiten etwas eingeschränkt werden mussten und keine Vertretung möglich ist. Die zweite Stelle war durch Auslaufen des Förderprogramms Bürgerarbeit weggefallen. "Wir kennen das Problem, sehen aber derzeit keine andere Möglichkeit", so Zuber.

www.verschwundene-orte.de

Zum Thema:
Am 3. November findet um 17 Uhr im Archiv verschwundener Orte die öffentliche Festveranstaltung zum 10. Jubiläum statt. Gastredner sind unter anderem Harald Konzack vom Regionalverband der Domowina Niederlausitz, Pfarrerin i.R. Dagmar Wellenbrink und Schriftsteller Jurij Koch.

Im kirchlichen Informations- und Begegnungszentrum Horno werden die 27 von Abbaggerung betroffenen Gotteshäuser gezeigt.
Im kirchlichen Informations- und Begegnungszentrum Horno werden die 27 von Abbaggerung betroffenen Gotteshäuser gezeigt. FOTO: zvg