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Brücken bauen – mit göttlicher Energie

Voller Saal, volle Begeisterung beim alljährlichen Treffen der Sonderschulen für Kinder und Jugendliche mit körperlichen und geistigen Behinderungen und Kindern aus benachteiligten Familien in der Wojewodschaft Lubuskie (Lebuser Land) in Lubsko (Sommerfeld) aus Anlass des Welt-Autismus-Tages im Kulturhaus der 14 000-Einwohner-Stadt. Lubsko ist seit März 2000 Partnerstadt von Forst.
Voller Saal, volle Begeisterung beim alljährlichen Treffen der Sonderschulen für Kinder und Jugendliche mit körperlichen und geistigen Behinderungen und Kindern aus benachteiligten Familien in der Wojewodschaft Lubuskie (Lebuser Land) in Lubsko (Sommerfeld) aus Anlass des Welt-Autismus-Tages im Kulturhaus der 14 000-Einwohner-Stadt. Lubsko ist seit März 2000 Partnerstadt von Forst. FOTO: Beate Möschl
Lubsko/Forst. Deutsch-polnische Begegnungen sind Alltag von Förderschülern in den Landkreisen Lubuskie und Spree-Neiße. Wichernschule Forst und Spezialschule Lubsko pflegen Kooperation. Wettbewerb um Teilnahme an Kulturaustausch. Beate Möschl

"Sehr schön, das habt ihr prima gemacht", lobt Lehrerin Barbara Chabraszewska (37). Ihre Schützlinge sind Mitglieder der Theater AG der Wichern-Schule in Forst. Sie haben in dieser Woche, so wie jedes Jahr Anfang Mai, am Musikfestival der Spezialschulen der Wojewodschaft Lubuskie (Lebuser Land) in Lubkso (Sommerfeld) teilgenommen, gemeinsam mit Lubskoer Förderschülern.

Vertragsunterzeichnung auf Grenzbrücke.

Die staatliche Sonderschule in Lubsko (123 Schüler von sechs bis 24 Jahren) und die evangelische Förderschule in Forst (83 Schüler von sechs bis 21 Jahren) sind durch eine langjährige Kooperation verbunden. "Der Kooperationsvertrag ist 2002 auf der Grenzbrücke Forst-Sacro - Zasieki unterzeichnet worden", erinnert Elzbieta Macko (55), Direktorin der Spezialschule Lubsko. Sie ist weit über Lubsko hinaus bekannt und anerkannt für die Energie und Leidenschaft, mit der sie sich für das Wohl ihrer Schützlinge und der Spezialschulen in Polen einsetzt.

Das Wissen und das unmittelbare Erleben, wie im Nachbarland Deutschland behinderte Kinder und Jugendliche integriert werden, sind ihr dabei eine wertvolle Hilfe und Quelle. "Wichtig ist uns, den ganz normalen Alltag kennenzulernen an beiden Schulen, die deutsche Kultur und die Bräuche", sagt Elzbieta Macko zu der langjährigen Kooperation und betont: "Das ist nicht nur für unsere Kinder wichtig, die zusätzlich motiviert werden Deutsch zu lernen, sondern auch für uns Lehrer. Weil wir voneinander lernen, wie wir mit den Handicaps und Neigungen der Kinder umgehen und Ideen austauschen." Sie könne sich auch als Schulleiterin viel abschauen: "Ein Wasserbett und einen Snoozelraum zum Tasten, Sehen, Hören und Empfinden wie in Forst hätten wir auch gern, wenn das finanzierbar wäre."

Unterschiedliche Schulkonzepte.

Ähnlich wie in Deutschland müssen auch in Polen bestimmte Aufnahmekriterien erfüllt sein, bevor Kindern ein kostenloser Platz in der Spezialschule und gegebenenfalls auch die Unterbringung im Internat gewährt wird. "Der Förderbedarf muss festgestellt werden", bestätigt Elzbieta Macko eine Gemeinsamkeit. Der Schulbetrieb allerdings unterscheidet sich. "Hier gibt es nicht die Kriterien wie in einer Ganztagsschule. Das läuft hier wie in einer normalen Schule. Bis 15 Uhr ist Unterricht. Dann schließen sich bis 18 Uhr Therapien an. 44 Kinder mit verschiedenen Dysfunktionen sind zu Behandlungen angemeldet", schildert die Direktorin.

Während an der Forster Wichern-Schule ausschließlich geistig und schwerst mehrfach behinderte Kinder und Jugendliche unterrichtet und für den Beruf vorbereitet werden, lernen an der Spezialschule in Lubsko behinderte Kinder und Jugendliche gemeinsam mit Gleichaltrigen aus sozial schwachen Familien.

Veranstaltungen, Wettbewerbe und Begegnungen über Grenzen hinweg sind auf beiden Seiten der Neiße probate Lehrmittel und Lernhilfen auf dem Weg ins Leben. Das wird deutlich, wenn die Spezialschule Lubsko zu Sport- und Musikfesten oder Schulwettbewerben einlädt.

So waren zum Welt-Autismus-Tag Anfang April mehr als 300 Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus Spezialschulen und Kindergärten der Wojewodschaft Lubuskie und der Wichern-Schule Forst nach Lubsko ins Kulturhaus gekommen. Zudem konnte Schuldirektorin Elzbieta Macko die Marschallin der Wojewodschaft Lubuskie, Elzbieta Polak, sowie Helena Sagasz, Landrätin von Zarski (Lubuskie) begrüßen und den Bürgermeister von Lubsko, Lech Jan Jurkowski. Auch das polnische Fernsehen interessierte sich für die Frau, die so viele in Bewegung bringt. "Es ist jedes Mal eine tolle Atmosphäre. Das ist vor allem den Lehrern zu verdanken. Sie machen ganz viel für die Schule und das sehr gerne", lobte die Direktorin. "Das ist eine gute Zusammenarbeit verschiedener Partner."

Grenzenlos dankbare Aufgabe.

Wochenlang fieberten die Lubskoer dem 24. Musikfestival der Förderschulen der Wojewodschaft entgegen. Vom 9. bis 11. Mai brachte das Festival unter dem Motto "Hawaii" das Kulturhaus Lubsko zum Klingen. Sogar aus Krakau kamen Gäste.

Die Wichern-Schule Forst ist die einzige Förderschule aus Deutschland, die am Festival teilnimmt. Schulleiter Heiko Heinemann (55) schätzt die Arbeit mit behinderten Kindern über Grenzen, wie er sagt. "Kinder wissen sich zu verständigen und zu verstehen", erzählt er und fügt an: "Wir laden auch gern zu uns ein. In Lubsko ist schon ein Wettbewerb unter den Schülern entstanden, wer teilnehmen darf. Diejenigen mit den besten Leistungen dürfen mit."

Das Interesse an Begegnungen ist auf beiden Seiten der Neiße groß. "Deshalb haben wir ganz viele Veranstaltungen", bestätigt Elzbieta Macko. Dazu gehören die Sportolympiade für schwerstbehinderte Kinder als einzige dieser Art in der Wojewodschaft Lubuskie, aber auch der deutsch-polnische Förderschulwettbewerb um die schönste Weihnachtskrippe und die Einladung zum Krippenspiel mit Weihnachtsessen, das Lubskoer Förderschüler für ältere Menschen ihrer Stadt in jedem Jahr organisieren und dafür auch selber kochen.

"Das bringt Freude und Zufriedenheit für alle, und die Schule wird sehr bekannt", freut sich Elzbieta Macko. Sie ist 1983 als Krankenschwester an die Schule in Lubsko gekommen und hat nach Zusatzstudium und Weiterbildungen sowohl den Magister als Geschichtslehrerin als auch die Anerkennung als Sonderpädagogin sowie eine beachtliche Reihe von Zertifikaten, unter anderem für Biofeedback- und Tomatis-Therapie. Seit 2004 leitet sie die Spezialschule Lubsko.

Mit Gott, Fahrrad und Chopin. Auf die Frage, woher sie ihre Energie nimmt, antwortet Elzbieta Macko: "Von Gott". Wer sie kennt, weiß, dass es auch die Gemeinschaft aus gleichgesinnten begeisterten Mitstreitern ist, die sie Kraft tanken lässt. Und die Natur.

"Ich bin gerne in Bewegung, mit dem Fahrrad oder beim Wandern im Gebirge", verrät Elzbieta Macko. Lieblingsplätze hat sie viele. In der Region um Lubkso gehören der Kosarzyn-See und der Kolatka-See bei Dychow dazu. Auch der Fürst-Pückler-Park und das Schloss in Bad Muskau, der Rhododen dronpark in Kromlau oder der Tierpark Cottbus haben es ihr angetan. Und wenn es doch einmal etwas ruhiger zugehen soll, dann genießt sie klassische Musik, "natürlich sehr gern Chopin".