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Blicke über Tellerrand in drei Richtungen

Forst.. Die französische Journalistin Charlotte Noblet ist im Sommer entlang von Neiße und Oder gewandert (die RUNDSCHAU berichtete). Jetzt hat sie noch einmal nachgefragt, was der Wegfall der Grenzkontrollen für einige dieser Menschen bedeutet.

Ein Blick über den Tellerrand in drei Richtungen.
Andreas Damisch, Grosshennersdorf, Künstler: Für mich als Österreicher ist es hier wie Heimat. Mit der Monarchie wurde schon einmal der Versuch gestartet in Richtung Europa, und so ist es in Österreich ganz normal, wenn jeder dritte Name tschechisch, ungarisch oder sonst wie „urösterreichisch“ klingt. Als ich von den vielen volksübergreifenden Initiativen an der Grenze hörte, bekam ich besonders Lust hierher zu ziehen und hab es kein einziges Mal bereut!
Wojtek Staniewski, Leknica, Mitarbeiter Soziokulturelles Zentrum Turmvilla Bad Muskau: Ich werde meinen Ausweis nicht mehr an der Grenze zeigen. Das habe ich zwei Mal pro Tag gemacht, weil ich in Leknica wohne und in Bad Muskau arbeite. Bei den Jugendbegegnungen habe ich keinen Stress mehr, ob meine Teilnehmer die Dokumente nicht vergessen haben. Die Kinderprojekte werden nicht mehr von der Bürokratie des Grenzschutzes abhängig sein. Der Muskauer Park wird nicht mehr geteilt und die Neiße wird (wie zu den Fürst-Pückler-Zeiten) Innen-Fluss werden. Ich werde nicht mehr die Laune der Grenzkontrolle und den Terror des "In-Polen-tanken" Staus erleben.
Wolfgang Martin, Mühlrose, Angestellter: Die Tagebauentwicklung wird eigentlich von der Öffnung gar nicht beeinflusst. Die Firma Vattenfall, die in Nochten den Tagebau betreibt, ist überregional tätig und betreibt Tagebau auch in polnischen Regionen. Dort finden schon gewisse Kooperationen statt. Dass zusätzliche ausländische Arbeitnehmer hierher kommen, halte ich für sehr unwahrscheinlich.
Pawel Sosnowski, Görlitz, Fotograf: Für mich als Pole, der in Deutschland wohnt, ändert sich bei Grenzkontrollenwegfall eigentlich nicht viel. Die einzige sichtbare Sache sind keine Kontrollen an der Grenze. Beruflich und privat gesehen ist es sehr gut. Ich muss in der Zukunft, was ich hoffe, keine Zeit einplanen für Wartezeiten an der Grenze. Es wird sehr praktisch sein und vor allem schneller, was für meine Arbeit als Zeitungsfotograf manchmal sehr wichtig ist.
Gabriele Schönfelder, Bad Muskau, Designerin: Das ist eine Öffnung, wie wenn sich eine Tür öffnet von zwei guten Nachbarn, die sich schon länger kennen, immer mal einen Kaffee zusammengetrunken haben, aber eigentlich noch nicht so viel voneinander wissen. Nun fällt der Gartenzaun weg und sie haben einen gemeinsamen Garten! Es ist eine Chance, intensiver die Geschichte aufzuarbeiten und die Gegenwart zu leben: Dieser Prozess muss von der Politik und engagierten Bürgern unterstützt werden - es ist kein Selbstlauf.
Andreas Peter, Guben, Historiker: Die Öffnung wird die deutsch-polnische Beziehungen positiv beeinflussen, obwohl es Leute gibt, die ängstlich sind und sich um die Kleinkriminalität sorgen. Da muss man erstmal abwarten, aber die Bundespolizei wird sicherlich nicht mit einem Schlag hier weg sein und dieses Problem wird sich in Grenzen halten. Der Austausch auf wirtschaftlicher und kultureller Art wird auf alle Fälle zunehmen und hier in Guben-Gubin werden die Grenzgebäude wahrscheinlich nicht leer stehen: Dann zieht jemand anders ein und vielleicht gibt es wieder ein Café dort, Café Schönberger.
Irmgard Schneider, Vorsitzende von Pro Guben: Wir werden wieder schön gradaus gehen können, ohne Bogen zu machen, um zur Grenzkontrolle zu kommen. Das Verkehrssystem wird sich sicher ändern. Es kann nicht nur auf die Gubiner Straße gefahren werden, sondern vielleicht auch über die Frankfurter Straße. Einfach wie früher, als ich Kind war.
Peter Voigt, Ziltendorf, Hartz IV-Empfänger: Jeden Tag sind die Zeitungen voll von Überfällen und Einbrüchen. Das kann man dann alles den Polen in die Schuhe schieben. Alle haben Angst vor der Zunahme der Kriminalität. Ich nicht! Das was mir passiert ist, wurde schon in der BRD verübt: dreimal ausgeraubt, einmal Wohnungseinbruch und zweimal zusammengeschlagen. Jedes Mal deutsche Staatsbürger.
Petra Mallat, Forst, Erzieherin im Schülerfreizeitzentrum: Durch die wegfallenden Grenzkontrollen wird es noch schneller gehen, zu unseren Freunden und Sportkameraden nach Lubsko zu kommen. Die Preise für Sprit werden sich ganz schnell den hiesigen anpassen und vielleicht gelangt dann geschriebene Post schneller in die Nachbarländer. Vielleicht wird dann auch ein wenig Bürokratie abgebaut, wenn man deutsch-polnische Treffen organisiert und Fördermittel beantragen will oder muss.
Hans Kremers, Familienzentrum Grießen: Mein beziehungsweise unser Leben wird sich nach Wegfall der Grenzkontrollen nicht verändern. Der Wegfall der Kontrollen lässt demnächst noch eine bessere, schnellere Kontaktaufnahme zu den bereits bestehenden, sehr guten deutsch-polnischen Beziehungen (insbesondere zu Kindergärten und Schulen) zwischen dem Haus der Familie in Guben und unserem Familienzentrum hier in Grießen.
Hans-Joachim Musick, Kietz, Hartz IV-Empfänger: Die Öffnung der Grenze bedeutet erstmal für uns gar nichts. Vielleicht wird es für die älteren Leute aus der DDR gut, die drüben gearbeitet haben und immer noch Kontakte in Küstrin haben. Sie können sich jetzt gegenseitig besuchen ohne Kontrollen. Wir werden uns mehr zusammen fühlen in der Nachbarschaft. Viele in Deutschland sprechen von einer steigenden Kriminalität, aber das kann ich mir nicht ganz vorstellen.
Michael Kurzwelly, Vorsitzender des Slubfurter e.V.: Die Öffnung der Grenze wird in Frankfurt-Slubice die Idee verstärken, dass es nicht um zwei Städte, sondern um einen gemeinsamen öffentlichen Raum geht. Die Schranken verschwinden, es wird einfacher hin und her zu fahren. Jetzt wäre ein grenzüberschreitender Bus oder Straßenbahn willkommen. Hier sollte sich ein Raum entwickeln, wo man nicht weißt, ob man in Deutschland oder in Polen ist. Wie im Norden, wo die Stettiner in Deutschland Grundstücke kaufen und Dörfer schon halb-deutsch, halb-polnisch bewohnt sind. So sollte eine Grenzregion sein: gemischt.
Inge Bocklage, zuständig für Altwarp bei Adler Schiffe: Die Öffnung ist eine Erleichterung: Wir sparen Zeit, weil wir nicht mehr zu den Grenzübergängen fahren müssen, wir können anlegen, wo wir wollen. Aber wir werden bestimmt weniger Kunden haben. Es wird mehr Straßenverbindungen geben und die Leute werden mehr das Auto benutzen. Also wirtschaftlich gesehen wird bestimmt die Öffnung für uns negativ sein. Aber die deutsch-polnischen Beziehungen werden sicher positiv beeinflusst, man wird sich näher kommen.