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| 18:20 Uhr

Alte Sorten
Drei Stunden lang Neuland und Johannisroggen entdeckt

Bernd Starick zeigt das Saatgut für den Johannisroggen.
Bernd Starick zeigt das Saatgut für den Johannisroggen. FOTO: Angela Hanschke
Forst. Die Bauern AG Neißetal hat von Gut Neu Sacro aus zu einer besonderen Tour am Sonntag eingeladen. Es war kein normaler Sonntag. Von Angela Hanschke

(aha) Der  Johannistag hat für Landwirte traditionell eine große Bedeutung. Drei Stunden moderierte Bernd Starick, Vorstandsmitglied der Bauern AG Neißetal und stellvertretender Geschäftsführer der Arge Rekultivierung, die Tour im Kleinbus zu den renaturierten Flächen des Tagebaus Jänschwalde. Sie sind wichtig für das 2500 Hektar bewirtschaftende Unternehmen, gleichen sie doch den Verlust an anderer Stelle aus. Eine Generationenaufgabe nennt Bernd Starick die Herausforderung, mithilfe von akribisch durchdachter Fruchtfolge eine Substratschicht mit ausreichend Humus herzustellen. Währendessen passiert der Bus Schläge mit wiegenden Grashalmen zur Gewinnung von Saatgut, Flächen mit grünender Luzerne, Flurgehölze wie Robinie, Pappel und der Pionierbaum oder Erle; ein idealer Rückzugsort für die starken Rebhuhn- und Feldhasenpopulationen.

Sorgenkind ist das Schwarzwild, das aufgrund des Wolfsvorkommens in sehr starken Verbänden auftritt. Eingezäunte Schläge mit Eichensaat, über denen Greifvögel schwebend Ausschau nach Feldhasen halten, wechseln sich ab mit blühenden Einsprengseln von Wiesenkräutern. An der einstigen Hornoer Gemarkung „Pfarrheedchen“ entsteht erneut ein Wald. Die meisten Wege des devastierten Dorfes wurden wieder hergestellt. Mehrere Findlinge markieren den Standort der ursprünglichen Hornoer Kirche. In Sichtnähe: Schlehenhecken, die aus Grießen stammen. Zwei Wasserstellen wurden zu Feuerlöschteichen und einem Refugium für Kaulquappen. Steinhaufen und Stubbenwälle bieten Amphibien Schutz. Künstlich angelegte Schneisen gebieten dem Sandflug Einhalt. Und dann: eine „blühende Landschaft“ im „grünen Herz“ des Tagebaus zwischen der zukünftigen Malxe-Aue und dem geplanten Taubendorfer See. Den seltenen Acker-Wachtelweizen, der durch Mahdgutübertragung angesiedelt wurde, entdeckten die begeisterten Besucher unter anderen. „Hochinteressant für die gesamte Region“ fand Christine Zömisch die Ausführungen. „Wir wollen ja schließlich die Jugend hier behalten!“, betont die Cottbuserin. Die Fahrt ist ihr Geburtstagsgeschenk an den Ehemann.

Nach zwei Stunden ist die Flur für den Anbau des Waldstaudenroggens erreicht. Auch als Urroggen oder Johannisroggen wird er wegen der traditionellen Aussaat zu Johannis (24. Juni) bezeichnet. Bernd Starick präsentiert die recht kleinen Saatkörner. Vor drei Jahren konnten die Landwirte auf der Grünen Woche den Marketingpreis des Brandenburger Verbandes Pro Agro für das Johannisbrot entgegen nehmen, das freitags und am Johannistag aus der Bäckerei Merschank in den Hofladen des Gutes Neu Sacro geliefert wird. Es halte sich eine ganze Woche lang frisch. „Ich esse kein anderes Brot“, beteuert Starick. Der 28-jährige Sven Müller, Landwirt und Schlosser bei der Bauern AG, stoppt seine Technik. Zehn Hektar werden mit je 60 Kilogramm Saatgut bestellt. Geburtstagskind Hans Zömisch klettert als erster als Co-Pilot in die Fahrerkabine der Challenger-Raupe mit angehängter Drillmaschine. „Ein Wahnsinn!“, meinte er angesichts der GPS-gesteuerten Technik. „Ich bin sehr beeindruckt. Das Gelände ändert sich ständig“, sagte Erika Janke (80) aus Krayne, die 27 Jahre in der Landwirtschaft tätig war und bereits im Vorjahr an der Exkursion teilnahm. „Spannend, zu sehen, wie solch große Flächen wieder bewirtschaftet werden“, sagte der  Louis Friedrich (16) aus Eichow. „Diese Rekultivierung ist wohl deutschlandweit einmalig“, vermutete Klaus Held aus Schirgiswalde. „Das ist schon anders als ein ZT 300“, meinte Gerald Wegner aus Krayne nach Verlassen der Fahrerkabine. Im Jahrhundertwinter 1979 stemmte er die gefrorene Kohle im Kraftwerk Jänschwalde frei. Damals hatte er sich eigentlich geschworen: „Hier kommst Du nie wieder her“.