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Aus Nordberlin

"Bist du aus West- oder aus Ostberlin?" Die Frage folgt oft auf dem Fuße, sobald ich meine Geburtsstadt nenne. Bis heute bin ich mir nicht sicher, wie ich gut darauf reagieren kann.

Manchmal antworte ich schmunzelnd: "Aus Nordberlin." Ein anderes Mal etwas provokanter: "Ist das wichtig?" Klar, Berlin ist die Stadt der Teilung. Für viele bis heute. Umso überraschter war ich zu entdecken, dass vergleichbare Unterschiede auch in anderen Regionen gemacht werden: Da gibt es das Oberdorf und das Unterdorf, den Vorort und die Stadt oder das eingemeindete Dorf, das im Herzen trotz allem selbstständig und vor allem unabhängig geblieben ist.

Mir geben diese Unterteilungen zu denken, denn ich empfinde und erlebe sie vielfach als Abgrenzung, und diese wiederum als ein erschreckend alltägliches Phänomen. Kaum eine Berufsgruppe, kaum eine regionale Mannschaft, die sich nicht von einer anderen abgrenzt. Gewiss braucht es das zum Finden und Festigen des Eigenen: Was gehört zu mir, was macht mich aus und was gerade nicht? Aber wie schnell tun sich dadurch Gräben auf, die je länger je mehr unüberwindlich werden.

Vielleicht gehört für mich als Berlinerin gerade deshalb zu den Kernaufträgen Jesu, niemanden verloren zu geben - ganz gleich, wie sehr ein anderer sich von mir unterscheidet oder wie entfernt seine Ansichten und seine Lebensweise den meinen sind. Niemanden verloren zu geben, das heißt zwar nicht zwangsläufig, Widersprüche und Unstimmigkeiten aufheben zu können, aber es immer wieder auf den Versuch ankommen zu lassen, sich zu verständigen. Denn wenn der Sohn Gottes kurz vor seiner Hinrichtung beten kann: "Ich habe sie bewahrt und keiner von ihnen ist verloren." (Johannes 17,12), dann heißt das für mich: Ein Miteinander bleibt möglich - zwischen Gott und Mensch und zwischen Mensch und Mensch.