| 02:37 Uhr

Aus Liebe zum alten Handwerk

Kornelia Blümel (links) mit ihrer Tochter Jaqueline Blümel (rechts). Petra Tschitschke erklärt die Technik.
Kornelia Blümel (links) mit ihrer Tochter Jaqueline Blümel (rechts). Petra Tschitschke erklärt die Technik. FOTO: Margit Jahn/mjn1
Klein Bademeusel. Eher zufällig kam Ilona Leske zum Korbflechten. Inzwischen folgen mehr als ein Dutzend Menschen ihrem Ruf nach Klein Bademeusel, um gemeinsam zu flechten. Margin Jahn / mjn1

Eine liebevoll mit einem Weidensteckling dekorierte Einladung machte südlich von Forst die Runde. Absender war Ilona Leske. Die 59-Jährige lud Interessierte ein, am Sonntagnachmittag in der Kulturbaracke in Klein Bademeusel ein Jahrhunderte altes Handwerk im Dorf wieder aufleben zu lassen: das Körbe flechten.

Die Resonanz war groß.

Bei trüber und leicht nebeliger Stimmung draußen versprühte der kleine Ofen im Raum wohlige Wärme, gerade richtig für ein gemütliches Wintertreffen. Der lange Tisch für 20 Personen war bis auf den letzten Platz besetzt. Am Fenster standen zahlreiche Körbe, Tabletts, Glocken, Untersetzer und weitere Dinge aus Korb ausgestellt, die unter fleißigen Händen im Dorf entstanden sind. Weitere sollten an diesem Tag folgen.

Manfred Köhler ist 80 Jahre alt und so etwas wie der der Urvater und Anstifter dieser geselligen Runde. Er übernahm mit Ilona Leske und Petra Tschitschke die Anleitung und Erklärungen. Ziel des Nachmittages war, einen kleinen Osterkorb mit Henkel zu flechten.

Dabei ist es keineswegs selbstverständlich, dass diese Runde zustande kam. Ilona Leske zog der Liebe wegen 1995 von Mecklenburg nach Klein Bademeusel. In der Nachbarschaft wohnte Manfred Köhler. Der hatte ein Auge auf die vielen Weiden auf ihrem Grundstück geworfen. Ilona Leskes Interesse war erwacht - und bald wurde daraus eine neue Liebe: das Körbe flechten. Manfred Köhler sowie seine Frau Edith lehrten ihre neue Schülerin über viele Abende in mehreren Wintern, wie die Ruten der Weiden verarbeitet werden müssen; wie verschnitten, gebogen und gesteckt werden muss, um am Ende einen brauchbaren Korb in den Händen halten zu können.

"Hier haben immer nur die Männer die Körbe gemacht!", sagte ihr eigener Mann zu Ilona Leske. Nachdem er aber sah, mit wie viel Liebe und Engagement seine Frau ihr neues Hobby pflegte, pflanzte er kleine Stecklinge im Garten. Schließlich solle seine Frau zum Flechten nicht in den Keller gehen, sondern gemütlich "im Wohnzimmer vor dem Kamin sitzen und flechten können".

Seither sind unendlich viele Körbe entstanden. Es meldeten sich sogar Schüler bei Ilona Leske an. Enrico Weiser und Petra Tschitschke, eine Nachbarin von Ilona Leske, waren dabei, aber auch Cottbuser Freunde. Das Interesse hielt nur nicht lange an.

Damit das Wissen um dieses schöne Handwerk nicht ausstirbt, überlegte sie, an einem Sonntagnachmittag im Dorf einen Flecht-Kurs anzubieten. Genau wie früher, wenn am einzig arbeitsfreien Tag Gelegenheit war, sich mit Nachbarn und Freunden zu treffen und nebenbei die Finger etwas Nützliches tun konnten. Denn schließlich macht es in Gemeinschaft viel mehr Spaß.

Gesagt, getan, sie konnte Manfred Köhler dafür gewinnen, am Sonntag mit dabei zu sein. Inzwischen zählt er 80 Jahre und von diesen vielen Lebensjahren samt Flechterfahrungen konnte die kleine Runde am Sonntag profitieren. Die Dritte im Bunde, Petra Tschitschke, hat ihre Liebe zum Flechten entdeckt, als sie ein Iglu für ihre damals noch kleinen Kinder baute. Inzwischen geht auch sie schon seit 13 Jahren diesem Hobby nach. Für ihr Iglu benutzte sie damals die großen dicken Weidenruten. "Und was machst du mit den Kleinen?" fragte Ilona Leske. "Wegwerfen" sagte Petra Tschitschke. Woraufhin ihr Ilona Leske zeigte, dass man mit den kleinen Ruten Körbe flechten kann. So entstand eine weitere Kleinkunst in Klein Bademeusel.

Paul Rehdo, mit neun Jahren jüngster Teilnehmer, war gemeinsam mit seiner Mutter gekommen, um zu schauen, was die Frauen so basteln. Einen Korb mochte er nicht beginnen, er stärkte sich derweil am leckeren Kuchenbüfett. Wie von Zauberhand organisiert, stand auch eine kleine Stärkung für die Flechtanfänger bereit. Diese musste schneller als geplant in Anspruch genommen werden, denn just eine Stunde nach Beginn gingen plötzlich die Lichter aus - und schlagfertig rief Ilona Leske: "Möchtet ihr einen Schluck Kaffee trinken ?"

Natürlich wollte die kleine Gemeinschaft, schließlich war um 15 Uhr beste Kaffeezeit - und diese kleine Pause nutzten die Organisatoren, um wieder Strom und damit Licht in die Baracke zu bekommen. Ganz hartgesottene nahmen allerdings ihre Weidenruten und gingen einfach zum Fenster, um Licht zu erhaschen, denn manchmal kann und möchte man eine angefangene Arbeit ja nicht unterbrechen.

In dieser Pause erzählte dann auch Manfred Köhler von früher, wie er von seinem Großvater die Liebe zum Flechten übermittelt bekommen hat. Damals wurde in jedem Haus das Flechtkunstwerk ausgeübt, schließlich wurden die Körbe dringend in der Landwirtschaft benötigt. Besen, Körbe und Schwingen (flache, große meist ovale Transportkörbe) konnte jeder flechten. Manfred Köhler spezialisierte sich auf die Körbe. Früher war es allerdings nicht so schwer, geeignetes Material zu bekommen. Heute sind die gut geeigneten Kopfweiden, die sich leichter biegen lassen, rar geworden.

Für den Sonntag wurden viele Weidenruten benötigt, und wie es der Zufall wollte, entdeckte Kursbesucherin Angela Zägel in Forst einen großen Haufen frisch geschnittener Ruten, der zur Entsorgung abgeholt werden sollte. Sie informierte sofort Angela Leske und im strömenden Regen wurden die Ruten mit Einverständnis des Besitzers abgeholt. So ist es wie so oft im Leben - für den Einen ist es Müll, für den Anderen eine liebevolle Bewahrung einer Jahrhunderte alten Tradition.