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| 16:47 Uhr

Forst
Arbeiten statt im Knast sitzen

Gemeinsam besprechen Anett Himstedt (r.), Anett Müller und Frank Biewald (M.) wie Klienten aus dem Projekt Haftvermeidung durch soziale Integration geholfen werden kann.
Gemeinsam besprechen Anett Himstedt (r.), Anett Müller und Frank Biewald (M.) wie Klienten aus dem Projekt Haftvermeidung durch soziale Integration geholfen werden kann. FOTO: LR / Katrin Kunipatz
Forst. Seit über zehn Jahren betreut die BQS Döbern verurteilte Straftäter und hilft ihnen über eine gemeinnützige Tätigkeit, wieder Fuß zu fassen. Von Katrin Kunipatz

Es ist noch kein Jahr her, da lag das Leben der Forsterin Lena-Sophia (Name geändert) in Trümmern. Getrennt vom Vater ihres Kindes, verfiel sie in eine Depression, trank zu viel und wurde schließlich betrunken beim Autofahren von der Polizei erwischt. „Ich habe alles zugegeben und den Führerschein noch auf der Wache abgegeben“, sagt sie. Im Nachhinein sei sie froh gewesen, dass niemandem etwas passiert ist. Sechs Wochen später folgte das Gerichtsverfahren. 13 Monate Führerscheinentzug und 500 Euro Geldstrafe lautete das Urteil. Lena Sophia begann zu rechnen, wie sie vom Arbeitslosengeld die Strafe bezahlen sollte.

Ihre Akte landete auf dem Tisch von Anett Himstedt. Die junge Frau ist eine von drei Mitarbeiterinnen im Projekt Haftvermeidung durch soziale Integration bei der Beschäftigungs-, Qualifizierungs- und Strukturfördergesellschaft (BQS) Döbern. Seit über zehn Jahren werden in diesem Projekt Menschen betreut, die eine verhängte Geldstrafe nicht zahlen können, weil sie beispielsweise Arbeitslosengeld II beziehen, so Himstedt. Die Informationen über ihre künftigen Klienten erhält die BQS vom Gericht oder der Staatsanwaltschaft.  Aufgabe von Anett Himstedt ist es, zu den Geld­strafenschuldnern im Spree-Neiße-Kreis und der Stadt Cottbus Kontakt aufzunehmen.

Der erste Weg ist ein Brief. Wird der nicht beantwortet, klingelt sie auch mal an der Haustür der Klienten. Mancher ignoriere die Gesprächs- und Hilfsangebote völlig. Andere melden sich erst, wenn der Haftantritt kurz bevorsteht. Andere sind erleichtert über den Ausweg, den ihnen das Programm bietet. Lena-Sophia sah in dem Brief der BQS ihre Chance, aus dem Schlamassel herauszukommen.

Es folgen Gespräche. Himstedt erläutert der Forsterin, dass sie die Geldstrafe auch abarbeiten könne und nicht ins Gefängnis müsse. Im Fall von Lena-Sophia hat das Gericht die Strafe auf 50 Tagessätzen festgesetzt. Ein Tagessatz entspricht sechs Stunden gemeinnütziger Arbeit. 300 Stunden muss die Forsterin dementsprechend leisten. Gemeinsam mit der BQS-Betreuerin beginnt die Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz. „Die BQS verfügt über eine umfangreiche Liste mit Einsatzstellen – bei Sportvereinen, dem Nix-Verein oder Kommunen“, erklärt Him­stedt. Bei der Forster Tafel kommt Lena-Sophia nicht unter, dafür klappt es beim Flüchtlingswohnheim.

Im Frühjahr beginnt die Forsterin, ihre Stunden abzuleisten. Für Heimleiterin Barbara Domke ist es nicht neu, vor Lena-Sophie waren schon andere da, um Sozialstunden zu leisten. Die junge Frau erledigt Bürotätigkeiten, erteilt Auskünfte an die Bewohner und ist in die Arbeit im Heim eingebunden. „Sie arbeitet sehr selbstständig“, lobt Domke. Außerdem hat sich Lena-Sophia in psychologische Beratung begeben und eine Suchttherapie begonnen. „Mir war es wichtig, aus diesem Loch wieder rauszukommen“, erklärt sie. Dieser Wille zahlt sich nun aus. Vermittelt durch Barbara Domke hat die gelernte Erzieherin beim Träger des Flüchtlingsheims eine neue Arbeit bekommen. Noch im Juni kann sie dort anfangen und wieder selbst Geld verdienen. Für Lena-Sophia ist klar: Ohne das Projekt hätte sie ihr Leben so schnell nicht wieder auf die Reihe bekommen.

Für Anett Himstedt endet die Betreuung. Sie schreibt noch eine Abschlussmitteilung und kann die Akte zur Seite legen. „Etwa zehn bis 15 Prozent unserer Klienten, kommt durch das Projekt in Arbeit oder Ausbildung“, sagt die BQS-Mitarbeiterin. Es gebe aber auch andere, die die ihre Arbeit an der Beschäftigungsstelle abbrechen oder gar nicht erst auf die Schreiben der BQS reagieren. Helfen alle Sanktionen nicht, geht die Akte an die Staatsanwaltschaft zurück. Diese entscheide über die Ersatzfreiheitsstrafe, oder die Verurteilten finden doch einen Weg die Geldstrafe zu begleichen, so Himstedt.