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Annäherung an Verschwundenes

Forst.. Die Quellenlage ist sehr dünn Von Bernd-Volker Brahms

„, sagt Schulleiter Thomas Röger vom Forster Gymnasium. Seit etwa vier Jahren besteht an der Schule eine Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Schüler in Forst in der Zeit von 1927 bis 1938“ . Neben dem regulären Unterricht befasst sich eine Hand voll Schüler mit der Historie an der Schule. Die Spurensuche gestaltet sich schwierig und langwierig. Nicht nur der Gegenstand der Forschung ist für die Schüler schwer in den Griff zu bekommen, auch die Schülergruppe selbst hat sich im Laufe der Zeit verändert.“ Es hat schon eine gewisse Form von Ironie: Fünf Gymnasiasten sind auf der Suche nach ehemaligen Schülern ihres Gymnasiums. Aber auch die ersten Schüler, die sich vor vier Jahren auf die Suche nach Spuren der jüdischen Schüler gemacht haben, sind mittlerweile gar nicht mehr da. Sie haben Abitur gemacht und die Schule verlassen. Auch Lehrerin Rita Riebe, die das Projekt ursprünglich zusammen mit dem Schulleiter angeschoben hatte, wurde zum neuen Schuljahr an eine Grundschule nach Berlin zwangsversetzt.
„Wo ist eigentlich unser Ordner, mit den ganzen Materialien geblieben“ , fragt Schulleiter Thomas Röger. Einem Schüler fällt ein entlegener Schrank ein, wo der Ordner stehen müsste, in dem Vorgängerschüler Unterlagen über ehemalige jüdische Schüler gesammelt haben. „Eigentlich haben wir bisher nur etwas über einen Schüler herausgefunden“ , erzählt Thomas Röger. Ein gewisser Kurt Goldschmidt hatte 1927 an der Schule Abitur gemacht. „Die komplette Biografie kann man im Internet nachlesen“ , sagt der 17-jährige Michael Döhler. Seit drei Monaten präsentiert sich die Arbeitsgruppe der Elftklässler im elektronischen Netz unter dem Namen: www. juedische-schueler-forst.de. Über Zeitzeugen waren die Schüler schon in den Jahren zuvor auf Kurt Goldschmidt aufmerksam geworden, es wurde sogar Kontakt mit dem Sohn aufgenommen, der mit seiner Familie in Frankfurt/Main lebt. In Archiven wurde nach weiteren Informationen geforscht.
Als es in diesem Jahr darum ging, eine Projektwoche zum 75-jährigen Bestehen der Schule zu gestalten, fanden sich einige Schüler zusammen, um die Arbeitsgruppe wieder zu beleben. Neben der Sichtung dessen, was die vorherigen Schüler herausgefunden hatten, sollte erst einmal Grundlagenarbeit geleistet werden.

Brückenschlag zum Heute
Zusammen mit Lehrerin Katrin Burchardt von der Regionalen Arbeitsstelle Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule (RAA) wurde ein Programm erstellt. Dabei ging es im theoretischen Bereich um die Einführung in die jüdische Religion, Geschichte und Lebensformen, aber auch um die Integration von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Besonders spannend für die Schüler war, dass sie mit zwei jüdischen Studenten aus Berlin zusammentrafen. Amos Ros und Alexa Altmann begleiteten die Schüler unter anderem mit ins Jüdische Museum.
„Besonders interessant war aber das Essen“ , erzählt Ina Hofedank (16). Kirchererbsenbrei und viel Knoblauch habe es in einem jüdischen Restaurant gegeben. Berührungsängste hatte die Schülergruppe nach eigenen Aussagen gegenüber den jüdischen Studenten nicht gehabt. „Nur als es ums Thema Geschichte ging, wusste ich nicht so genau, was ich sagen soll“ , sagt Steffen Tscheußner (17).
Die Begegnung sei „ein Brückenschlag gewesen“ , sagt Katrin Burchardt, die in unregelmäßigen Abständen mit der Schülergruppe zusammenarbeitet. Auch in Forst habe es dieses jüdische Leben gegeben. Jahrzehntelang sei dies nicht bewusst gewesen. Ein Zeichen dafür sei der Jüdische Friedhof, der sich im polnischen Zasieki befindet - dem ehemaligen Forster Stadtteil Berge. Die Schüler wollen sich um den Friedhof kümmern und zumindest ein Schild aufstellen, dass auf das Spezielle der Grabstätten hinweist. 1992 war der Friedhof wiederhergestellt worden. „Es ist nicht ganz einfach wegen der Genehmigungen“ , sagt Schulleiter Thomas Röger. Es sei bereits ein Schreiben an die zuständige jüdische Gemeinde in Breslau gesandt worden.

Gedenken an Pogrom
Normalerweise treffen sich die Schüler jeweils freitags. Am kommenden Mittwoch werden sie allerdings noch einmal zusätzlich zusammen kommen. Am Standort der ehemaligen Synagoge in der Innenstadt wird des Pogroms am 9. November 1938 gedacht. Die jüdischen Männer der etwa 200 Mitglieder starken Gemeinde wurden seinerzeit nach Sachsenhausen gebracht. Wie viele ehemalige Schüler des Gymnasiums dabei waren, weiß bis heute niemand.

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