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| 18:35 Uhr

Archimedes Grundschule in Forst
Anklage, Elternversammlung und Unsicherheit

Hinter verschlossenen Türen: Am Montagabend fand in der Aula des Gymnasiums in Forst eine Elternversammlung zum umstrittenen Schulleiter der Archimedes Grundschule statt.
Hinter verschlossenen Türen: Am Montagabend fand in der Aula des Gymnasiums in Forst eine Elternversammlung zum umstrittenen Schulleiter der Archimedes Grundschule statt. FOTO: LR / Jan Siegel
Forst. Die Vorwürfe gegen den Leiter der Archimedes Grundschule in Forst sorgen für Debatten. Jetzt sammeln Eltern Unterschriften für ihn.

Die Türen blieben verschlossen, als sich am Montagabend die Eltern der privaten Archimedes Grundschule in der Aula des Gymnasiums in Forst (Spree-Neiße) zu einer Versammlung trafen. Es war keine der üblichen Zusammenkünfte von Eltern, bei denen es normalerweise um die nächsten Schulhöhepunkte oder bevorstehende Projektwochen geht. Zu dieser Versammlung eingeladen hatten das Brandenburger Bildungsministerium und das Schulamt Cottbus.

Die Institutionen hatten den bisherigen Leiter der Schule, Daniel B. (43), der gleichzeitig auch Chef des Trägervereins der Privatschule ist, am Freitag voriger Woche aufgesucht. Nach der Zusammenkunft teilte das Bildungsministerium mit, dass der Schulleiter eine Erklärung unterschrieben habe, die ihm bis auf Weiteres den Kontakt zu den Schülern und der Schule verbietet.

Auslöser für den drastischen Schritt ist eine Anklage der Staatsanwaltschaft Cottbus gegen Daniel B. Die Ermittler werfen dem Schulleiter „Körperverletzung in 20 Fällen vor“. Angeklagt werden Taten an insgesamt sieben Schülern im Zeitraum zwischen September 2015 und März 2017. Dabei ist konkret die Rede von Schlägen an den Hinterkopf, in Einzelfällen soll es auch zu Tritten und Schlägen in das Gesicht gekommen sein. Alle Schüler, die mit den Taten in Verbindung gebracht werden, sind nicht mehr an der Archimedes Grundschule. Teilweise hatten sie die Eltern nach den Vorwürfen herausgenommen. Einige haben aufgrund ihres Alters die Bildungseinrichtung gewechselt.

Bei der Elternversammlung in dieser Woche sollte es aus Sicht des Bildungsministeriums darum gehen, den Eltern, deren Kinder derzeit die Schule besuchen, die aktuelle Situation zu erläutern und auftretende Fragen zu beantworten. Rund um die Versammlung wurde sehr deutlich, dass es tiefe Gräben gibt in der Elternschaft. Der absolut größte Teil der Eltern der derzeitigen Archimedes-Schüler halten die Vorwürfe gegen Daniel B. für absurd. Das machten sie in Gesprächen vor der Versammlung deutlich. Inzwischen sammeln sie Unterschriften für den Erhalt der Schule und für den Verbleib von Daniel B.

Der angeklagte Schulleiter übrigens wird von nahezu allen Beteiligten, auch von denjenigen, die ihn später angezeigt haben, als äußerst engagiert beschrieben. „Der ist alles an der Schule: Leiter, Lehrer, Hausmeister“, sagt eine Mutter, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Das will an diesem Abend vor der Elternversammlung übrigens kein einziger. Der Fall sorgt in der Kreisstadt Forst und in den sozialen Netzwerken inzwischen für großes Aufsehen, verbunden mit den auf diesen Kanälen oft grenzenlosen, verbalen Ausfällen und Attacken. Wer sich in die Öffentlichkeit traut, muss mit einem zügellosen Shitstorm rechnen. Auch sind alle Gesprächspartner an diesem Abend ausnahmslos – auch die Eltern, die Daniel B. angezeigt hatten – nach wie vor überzeugt von dem pädagogischen Konzept der Archimedes Grundschule, einer kleinen, staatlich genehmigten Ersatzschule, die gerade einmal 71 Schüler hat.

Die Anzeigeerstatter hatten nach eigenen Aussagen immer wieder versucht, im Vorfeld mit dem Schulleiter, dem Sozialamt und dem Schulamt ins Gespräch zu kommen. Die Öffentlichkeit gesucht hatten sie selbst bisher eher nicht. An der Elternversammlung in dieser Woche teilnehmen durften sie nicht. Eingelassen wurden nur Eltern, deren Kinder derzeit an der Schule unterrichtet werden. Abgewiesen worden sind auch Vertreter der Stadtverordnetenversammlung und aus dem Forster Rathaus, die an der Versammlung teilnehmen wollten.

Mehrere Eltern, die Daniel B. angezeigt hatten, berichten am Rande der Elternversammlung von einem subtilen Druck, den Daniel B. aufgebaut habe. So habe er versucht, Eltern deutlich zu machen, dass seine Schule die „einzige und letzte Chance“ für ihren Nachwuchs wäre. Kinder ihrerseits hätten ihren Eltern erzählt, dass „sie ins Heim und ihre Eltern in Gefängnis“ kämen, wenn sie sich nicht fügten. Wohlgemerkt, das behaupten Daniel B.‘s Kritiker.

In der Elternversammlung bleibt die Atmosphäre weitgehend sachlich, wenn auch vereinzelt die Emotionen hochgehen. Das berichten Teilnehmer, die im Raum waren, nach der Zusammenkunft. Einige, die sich an der Diskussion in der Versammlung beteiligen, vermuten einen „Rufmord“ und einen „Rachefeldzug“ an und gegen Daniel B. und an der Archimedes Schule. Sie halten die Vorwürfe für erfunden und fragen: „Wann soll Daniel B. das gemacht haben?“ Es seien immer zwei pädagogische Mitarbeiter im Unterricht gewesen, sagen die Unterstützer von Daniel B. Die Angst geht um, dass die Schule geschlossen werden könnte.

Der Handlungsspielraum von Schulamt und Bildungsministerium indes ist gering. Bemerkenswert ist aber, dass die Behörden erst jetzt handeln. Die ersten Anzeigen gegen Daniel B. hatte es im März 2017 gegeben. Die Anklageschrift war dem Schulleiter mit Datum vom 18. Juni 2018 zugestellt worden. Sichtbare Konsequenzen gab es erst am vergangenen Freitag, nachdem der Fall für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Staatsanwaltschaft und Polizei hatten nach eigenen Angaben in dem Fall mit Fingerspitzengefühl und der notwendigen Vorsicht agieren müssen. Schließlich seien im Zuge der Ermittlungen auch Kinder befragt worden. Die letztlich vorgelegte Anklageschrift legt bei der Lektüre den Schluss nahe, dass unterschiedliche Schüler, unabhängig voneinander, dieselben Vorfälle beschrieben hatten.

Inzwischen hat Daniel B. in einem offenen Brief an die Eltern geschrieben, dass ihm „sexuelle Belästigung von 20 Mädchen in mehr als 40 Fällen“ vorgeworfen werde. Die Anschuldigungen würden ihn sprach- und fassungslos machen.

Die Staatsanwaltschaft Cottbus bestätigte der RUNDSCHAU, dass seit vorigen Freitag in dieser Richtung ermittelt wird. Bisher können die Ermittler aber noch überhaupt nichts über den möglichen Wahrheitsgehalt solcher Anschuldigungen sagen. „Das ist alles ganz neu“, sagt Horst Nothbaum, der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Selbst Daniel B.‘s Kritiker, die ihn wegen der Schläge angezeigt hatten, halten die von B. jetzt selbst öffentlich gemachten Beschuldigungen für zumindest fragwürdig. Über die Motivation der Veröffentlichung können sie nur spekulieren. Die RUNDSCHAU hätte auch gerne mit Daniel B. oder einem von ihm bei Gericht benannten Rechtsvertreter über die Vorwürfe gesprochen. Ein Kontakt gelang am Dienstag aber nicht.

Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt für Daniel B. uneingeschränkt die Unschuldsvermutung. Dass er mit den schweren Vorwürfen aus der Anklage aber weiter unterrichten kann, als sei nichts geschehen, dürfe die Schulaufsicht nicht zulassen, heißt es aus dem Bildungsministerium.

Über die Zukunft der Schule sei noch nicht abschließend entschieden. Daniel B. muss nach Recherchen der RUNDSCHAU ein Konzept vorlegen, wie der Schulbetrieb ohne ihn weitergeführt soll. Am Donnerstag soll es an der Schule eine weitere Elternversammlung geben, bei der die Eltern über die weitere Organisation des Unterrichts informiert werden.