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Als von Eulo bis Briesnig noch Gleise lagen

Vor fast genau 103 Jahren lief am Bahnhof Briesnig – damals noch Briesnigk geschrieben – der erste Zug ein. Züge fahren auf der Strecke zwischen Forst und Guben schon seit Jahren nicht mehr. Dafür sollen zwischen Eulo und der Neiße bei Briesnig demnächst Radler auf der ehemaligen Bahntrasse fahren können. In einer Woche wird der neue Radweg eingeweiht. Anlass genug, einmal dessen Geschichte unter die Lupe zu nehmen. Von gerd Kundisch

Mit dem Bau der Eisenbahnlinie Halle-Cottbus-Sagan begann für die Industriestadt Forst ein neues Zeitalter. Am 1. März 1872 wurde die Bahnstrecke Cottbus-Forst eingeweiht nachdem sie am 15. Februar von Comissären der Eisenbahn und der Regierung abgenommen und für betriebsfähig erklärt worden war. Mit der Inbetriebnahme der Bahn wurde auch der Reisepostkutschen-Dienst zwischen Cottbus und Forst eingestellt. Vier Monate später, am 30. Juni 1872, setzte sich der erste Zug von Forst in Richtung Sorau in Bewegung. Fast 20 Jahre mussten vergehen als im September 1891 die Nebenstrecke Forst-Döbern feierlich eröffnet werden konnte, die bis nach Weißwasser führte. Eine solche Nebenstrecke wurde auch zwischen Forst und Guben geplant. Im Juni 1895 hieß es im Forster Tageblatt, dass eine Kommission der AG für Kleinbahnen die Anlagen der Stadtbahn besichtigen und gleichzeitig die beabsichtigte Streckenf*a mp*uuml;hrung der künftigen Eisenbahn zwischen Forst und Guben in Augenschein nehmen wollte. Auch danach gingen wieder Jahre ins Land.

Am 10. Dezember der erste Zug
In der Briesniger Schulchronik heißt es unter der Rubrik "Winterhalbjahr 1903/04", dass am 10. Dezember 1903 der erste Arbeiterzug auf dem Bahnhof Briesnigk einlief. "Die Erdarbeiten, die für rund 171 000 Mark der Firma A. Kusicke/Naumburg übertragen waren, wurden am 16. Mai 1903 bei Eulo in Angriff genommen." Der Oberbau auf der Strecke Forst-Guben erfolgte im Winterhalbjahr 1903/04, ebenfalls von A. Kusicke ausgeführt, und zwar gegen eine Entschädigung von rund 30 000 Mark. In der Chronik heißt es: "Die Bahnhöfe Briesnigk und Grießen hatte Zimmermeister Hohlfeld jun./Forst erbaut. Die Deichverlegung vom alten Schlosse bis zur alten Brücke wurde an die Firma Kusicke extra bezahlt, dazu hatte der Minister für Landwirtschaft eine Beihülfe von 5 000 Mark gewährt. Der Besitzer des alten Schlosses, das durch die Deichverlegung außendeichs zu liegen kam, Häusler August Neumann, wurde mit 11 300 Mark vom Eisenbahn-Fiscus entschädigt."
Am Dienstag, den 31. Mai 1904, konnte die Nebenbahn Forst-Guben in Betrieb genommen werden. Unter der Eintragung "Sommerhalbjahr 1904" heißt es in der Briesniger Schulchronik: "Am 1. Juni 1904 wurde die neue Nebenbahn Forst-Guben eröffnet. Der Bau der Zuführstraße zum Bahnhof Briesnigk, welcher der Gemeinde Briesnigk oblag, wurde der Firma A. Kusicke übertragen und von diesem für 660 Mark ausgeführt." Offiziell rollte tags darauf der erste Zug in Richtung Guben. Die Strecke zwischen beiden Städten war 30,3 Kilometer lang. Während Briesnig, Grießen, Groß Gastrose und Schlagsdorf von Beginn an über einen Bahnhof verfügten, wurden die Haltepunkte Mulknitz und Horno erst am 1. Oktober 1905 eröffnet. Taubendorfs Haltepunkt folgte am 20. Juli 1908.
Das Forster Tageblatt vom 5. Juli 1938 geht auf den Ausbau der Reichsstraße Forst-Guben ein und warnte die Kraftfahrer vor zwei ungesicherten Bahnübergängen die "mit Vorsicht zu genießen" seien: "Wenn man unsere Tuchstadt verlassen und die ersten Kurven vor Eulo, die Rechtsbiegung in Eulo selbst und dann das Dorfpflaster überwunden hat, dann bietet sich als erste Aufmerksamkeitsprüfung für den Kraftfahrer der ungesicherte Eisenbahnübergang der Linie Guben-Forst. Rückwärts- und Vorwärtsschauen sind erforderlich, um zu klären, ob der stärkere an die Schienen gebundene Gigant uns nicht bedroht ..." In Briesnig war weiterhin erhöhte Aufmerksamkeit geboten: "Der ortsunkundige Fahrer kann hier einen tüchtigen Schreck bekommen, wenn er auf einmal das Signalhorn des Triebwagens hört, der in ,Deckung' durch das Buschwerk heranbraust", hieß es im Forster Tageblatt. Bis zum Kriegsende im Jahr 1945 pendelten die Reise- und Güterzüge täglich zwischen Forst und Guben.

Gleise wurden schon mal entfernt
Den Reparationsverpflichtungen nach Kriegsende fielen auch die Gleiskörper der Forst-Gubener Bahn zum Opfer, die schon bald demontiert und abtransportiert wurden. Zwischen beiden Städten fehlte neben der Straßen- also auch die Gleisverbindung. Die Chaussee zwischen den beiden Städten führte bei Briesnig über die Neiße nach Guben und war durch die neue Grenze unterbrochen. Da es im Interesse der sowjetischen Besatzungsmacht lag, ungehindert in Richtung Guben zu gelangen, wurde auf dem Gebiet der DDR eine neue Straßentrasse vom Ortsausgang Briesnig bis nach Guben gebaut. Wieder neu angelegt wurde zu Beginn der 1950er-Jahre auf dem noch vorhandenen Schotterbett auch die zuvor demontierte Eisenbahnlinie.
Dramatisch für den Zugverkehr wurde es im Juli 1958, als die Neiße zu einem reißenden Strom anschwoll. Am Morgen des 6. Juli rutschte die Deichkrone unterhalb des Ortsausganges von Briesnig ab. Sie wurde überspült und es entstand ein Deichbruch auf insgesamt 90 Metern Länge. Das Wasser unterspülte den dahinter liegenden Bahndamm der Strecke Forst-Guben sowie die benachbarte Fernverkehrsstraße. Nach dem Abklingen des Hochwassers erfolgte kurzfristig die Instandsetzung der Bahntrasse.
Mit dem Ausbau des Kraftverkehrs in den folgenden Jahren wurdne die Buserverbindungen wegen der kürzeren Fahrtzeiten immer attraktiver. Das ging zu Lasten des Personenzugverkehrs, der am 30. Mai 1981 eingestellt wurde.

Ende für Personenzüge 1993
Mehr und mehr wurde auch der Güterverkehr auf die Straße verlegt, insbesondere nach der Wende. Im Dezember 1993 rollte der letzte Güterzug über die Gleise. Die Zeit, in der die Züge schnaufend und mit viel Getöse in die Bahnhöfe rollten, war nun endgültig vorbei. Von nun an konnten die Schafherden in völliger Ruhe direkt neben den Gleisen weiden. Lediglich die aufgereihten leeren Waggons wirkten störend in der Landschaft. Kilometerweit zog sich die Schlange leerer Eisenbahnwaggons am Dorf entlang. Zwischen den Gleisen wucherte das Unkraut, die Fenster des Briesniger Bahnhofsgebäudes waren mit Brettern vernagelt. Der damalige Kreisjugendpfleger Klaus-Bernd Günter hatte die Idee, aus dem alten Bahnhof einen Jugendklub zu machen. Zu einem Vertragsabschluss mit der Reichsbahndirektion Cottbus kam es jedoch nicht.
Letztendlich stimmte im Juni 1995 die Verwaltung des Landkreises Spree-Neiße den Plänen der Deutschen Bahn AG zu, die Strecke Guben-Forst endgültig stillzulegen.

Hintergrund Rad- und Gehweg ist kommende Woche fertig
 Nach einer Bauzeit von drei Monaten kann der neue 6500 Meter lange Rad- und Gehweg von Forst nach Briesnig seiner Bestimmung übergeben werden. Wesentlich länger dauerten die Verhandlungen zum Erwerb der Trasse Forst. Am Mittwoch, dem 29. November, um 9.30 Uhr findet die Verkehrsfreigabe statt. Treffpunkt ist in Bohrau die Pension Zum Blauen Dach.