ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:55 Uhr

Als Groß Jamno die Perle der Lausitz war

Hier erklärt Kristian Schmidt im ziemlich dunklen Wald die Funktion der sogenannten "Urwaldquelle", einer der letzten von ursprünglich mehr als 50.
Hier erklärt Kristian Schmidt im ziemlich dunklen Wald die Funktion der sogenannten "Urwaldquelle", einer der letzten von ursprünglich mehr als 50. FOTO: T. Richter-Zippack/trt1
Groß Jamno. "Perle der Lausitz" – diesen Titel beansprucht die Stadt Spremberg für sich. Doch noch vor mehr als 100 Jahren war ein ganz anderer Ort mit dieser Bezeichnung bedacht worden. trt1

Nämlich der Groß Jamnoer Naturpark "Zum Urwald". Den haben jetzt 45 Naturfreunde durchstreift.

Um es vorwegzunehmen: Mit einem wirklichen "Urwald" hat das Gebiet rund um die gleichnamige Ausflugsgaststätte südlich von Groß Jamno wenig zu tun. Zwar gibt es alte Bäume und ein imposantes Strauchwerk. Doch der überwiegende Teil ist durch Menschenhand angepflanzt. Allerdings, dass muss der Ehrlichkeit halber erwähnt werden, wirkt der Jamnoer Urwald durchaus als etwas Besonderes in der ansonsten recht eintönigen Lausitzer Kiefernheide. Denn mächtige Eichen, Buchen, Fichten und selbst Erlen wachsen dort. Darüber hinaus gibt es mehrere Quellen. Hätte man nicht ständig die nahe Autobahn im Ohr, würde sich der Besucher in einen Wald versetzt fühlen, der dem Grimm'schen Märchenbuch entstammen könnte.

Im Rahmen des Forster Geschichtsstammtisches haben zahlreiche Naturfreunde und Neugierige das Areal in unmittelbarer Nähe der Fernstraße durchstreift, die von Berlin nach Breslau führt. Bundesförster und Heimathistoriker Kristian Schmidt befasst sich schon seit Jahren mit diesem Gebiet, wie er während der Wanderung sagt. Der Jamnoer Urwald sei demnach untrennbar mit dem Namen Heinrich Kloß verbunden. Der Gärtner und Gutsjäger hatte das bereits von Natur aus idyllische Gelände einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht, Wege angelegt, ebenso Teiche mit Inseln, auf denen einst prächtige Blumen wuchsen. Das war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kristian Schmidt hat herausgefunden, dass die Presse in den Jahren 1906/1907 begeistert über den Jamnoer "Naturpark" berichtete. Dort habe der 61-Jährige auch die Bezeichnung "Perle der Lausitz" gefunden. Anno 1926 entstand das Kurhaus, das die Gastwirtschaft "Zum Urwald" beheimatet. Der sogenannte "Naturpark" umfasst eine Fläche von 115 Hektar, die im Norden von den Jamnoer Feldern und Wiesen, im Süden von der Autobahn begrenzt wird.

Heinrich Kloß wurde übrigens nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet. Der Urheber der beliebten Sommerfrische zog daraufhin zu seiner Tochter nach Noßdorf, wo er im Jahr 1952 verstarb.

Heute ist die einst viel gepriesene Naturromantik nur noch rudimentär vorhanden. Oder anders gesagt: Die Natur hat sich den "Park" zurückgeholt. Doch noch immer besticht das Gebiet mit einer gewissen Romantik. So gibt es bis heute drei Quellen. Einst sollen es zwischen 50 und 74 gewesen sein. Warum sie versiegten, wisse niemand ganz genau. Laut Kristian Schmidt könnte ein Ursachenmix für den Wassermangel verantwortlich zeichnen, nämlich Niederschlagsdefizite, Meliorationen sowie der Bergbau. Der einstige Erlenbruch ist derzeit keiner mehr. Offenes Wasser findet sich dort jedenfalls kaum noch.

Auch um die frühere Orchideenwiese scheint es schlecht bestellt. In diesem Frühsommer habe Kristian Schmidt lediglich noch zwei Exemplare des Befleckten Knabenkrauts (Kuckucksblume) gefunden. Noch vor über 50 Jahren sollen es sehr wesentlich mehr gewesen sein. Das kann auch der ehemalige Jamnoer Gärtner Peter Raschke bestätigen: "Im Mai hat es dort jedes Jahr unwahrscheinlich geblüht." Seine Familie hatte im Zuge der Bodenreform ein Stück Land auf der Orchideenwiese zugeteilt bekommen.

Der "Urwald" wartet mit mancherlei weiteren Überraschungen auf. Beispielsweise mit den Resten des alten Forsthauses. Zudem den Relikten der einstigen Holzwasserleitung, die über gut 1200 Meter von den Quellen ins Dorf führte. Der alteingesessene Groß Jamnoer Roland Hornick spricht von vier Zapfstellen, die es dort einst gegeben hatte. Zudem mussten früher die Waldbesitzer einen Teil ihres Holzes für Reparaturen am hölzernen Trog zur Verfügung stellen. Gelagert wurde das Baumaterial im Dorfteich. Den gibt es heute nicht mehr. Stattdessen befindet sich dort die Buswendeschleife.

Bis heute erfreut sich der Jamnoer "Urwald" einer gewissen Beliebtheit unter den Forstern. Brauchten sie früher von der Stadt rund anderthalb Stunden zu Fuß, ist die Idylle heute innerhalb weniger Minuten per Auto erreicht.

Doch Massentourismus gibt es nicht. Stattdessen können die Naturfreunde auf einem Lehrpfad wandeln, der bereits um das Jahr 1960 vom damaligen Forster Naturschutzbeauftragten Max Balde angelegt worden war.