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Alle Vögel sind schon weg?

Nach vier Wochen gelang "Wiedis" Auswilderung in Neuhausen.
Nach vier Wochen gelang "Wiedis" Auswilderung in Neuhausen. FOTO: aha1
Forst. Wenn absehbar ist, dass die gefiederten Patienten den Weg in den Süden nicht unbeschadet überstehen werden, wird aus einer Notaufnahme manchmal ein monatelanger Aufenthalt in der Frankfurter Straße. Mithilfe von Fachliteratur und intensiver Internetrecherche löste sie im Jahre 2008 ihren ersten "Fall" und konnte Mauersegler "Meister" erfolgreich in die Freiheit entlassen. aha1

Inzwischen gilt Sylvia Schneider als eine Art "Vogelflüsterin" und ist bei der Wildvogelhilfe als eine der wenigen Experten in den neuen Bundesländern registriert, die sich der zeit- und kostenintensiven Mauersegleraufzucht verschrieben haben. In dieser Saison wurden in allen elf Nestern ihrer eigenen Mauerseglerkolonie je zwei Junge aufgezogen. Am 19. September trat das Letzte seine große Reise an. Igor, einem Mauersegler aus der Ukraine, der mit gutem Gewicht und Ernährungszustand drei Wochen zuvor an den Start ging, war dies nicht vergönnt. Nach 30 Metern war der Traum von der großen Freiheit ausgeträumt. "Direkt vor meinen Augen griff ihn ein Sperber", berichtet Sylvia Schneider. Ihre Segler treten den Abflug seither in Eulo an.

Im Laufe der Jahre wurden die Herausforderungen immer größer. Ebenso die Zahl der betreuten Vogelarten. Seit Anfang Juni päppelte die Forsterin 36 Mauersegler auf, fünf warten noch aufgrund von Gefiederschäden auf einen Platz in der weltweit einzigen Mauerseglerklinik in Frankfurt am Main. Das wird sich erfahrungsgemäß bis zum Frühjahr hinziehen. Der schmucke Wiedehopf "Wiedi", der in Neuhausen einen Greifvogelan griff überlebte, wurde nach geglückter Operation wieder in seine Heimat verbracht.

Ein besonderes Sorgenkind ist ein aus Cottbus stammendes blindes Spatzenmännchen. Dank der Forster Zootierhandlung, die mit lebenswichtigen Enzymen seine Aufzucht unterstützte, konnte er aufgepäppelt werden. Unermüdlich tschilpt der kontaktfreudige Bonni und dreht in Gegenwart von lebhaften Gesprächsrunden so richtig auf. "Hauptsache, mein Spätzchen ist glücklich", meinte die Vogelfreundin und schaffte extra ein kleines Radio für den Piepmatz mit dem großen Lebenswillen an. Ebenfalls aus Cottbus stammt ein namenloser Grünspecht, der wahrscheinlich ein Anflugtrauma erlitt und sich nun seit knapp zwei Wochen in Forst an frisch gehäuteten Würmern, Honigmelone, Himbeeren, Blaubeeren und Kirschen aus dem Gefrierschrank labt. Dort lagern auch Weintrauben, Johannisbeeren und Äpfel für zwei Dauergäste - die Eichelhäher Karlchen und Chico. Karlchen, der nach einem Beinbruch ein steifes Bein behielt, entpuppte sich im Frühjahr nach Eiablage und Nestbau als Karline. Ihrem Gefährten musste ein Flügel amputiert werden. Bei vier Eichelhähern aus der Voliere gelang die Auswilderung. Ernie - verletzt und stark abgemagert zurückgebracht - benötigte einen langwierigen zweiten Anlauf. Wahrscheinlich ist der benachbarte Stadtpark Mitte nun ihr Lebensmittelpunkt.

"Diese Vogelsaison war keine gute", sagte die Forster Expertin angesichts vieler kranker Wildvögel. Vor allem Spatzeneltern fanden kein oder nur vergiftetes Futter. Verantwortlich dafür macht sie Insektizide und fordert: "Die Landwirte sollten umdenken."

Unterstützt wird sie von Heike Döbberthin von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises. Die unterstütze sie mit Rat und Tat beiseite ebenso wie Tierärztin Ines Schulze. Dennoch ist die Forster Vogelretterin zumeist Alleinkämpferin, züchtet aus Kostengründen die Insekten selbst.

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