Frau Köstering, der Museumsverein der Stadt Forst feiert am Sonntag im Textilmuseum sein 25-jähriges Bestehen. Ist das etwas Besonderes oder gibt es derlei Jubiläen wendebedingt derzeit häufiger?
Das ist eine gute Frage. Etwa drei Viertel der heutigen Museen sind nach 1989/90 gegründet worden, können bald ihren 25. Geburtstag feiern. Die Museumslandschaft hat sich nach der Wende deutlich verändert.

Was sind die markantesten Veränderungen?
Zu DDR-Zeiten gab es viel weniger Museen. Die waren personell ganz gut aufgestellt, wurden staatlich gefördert, aber auch kontrolliert. Es gab Zentral-, Bezirks- und Kreismuseen, vor allem Heimatmuseen, Gedenkstätten, Kunstmuseen, Schlösser. Unterhalb der kreislichen Ebene wurde nicht viel staatlich anerkannt. Es gab eine ganz klare hierarchische Struktur. Die Hoch-Zeit der Museumsgründungen in der DDR lag in den 1950er-Jahren. Nach der politischen Wende in Deutschland gab es eine neue Hoch-Zeit.

Wie sieht es heute aus?
Auf dem Gebiet des heutigen Landes Brandenburg gab es 1989 insgesamt 100 Museen. Heute sind es circa 370 Museen. Träger sind oft Vereine, Städte oder Landkreise. Die Bandbreite reicht von der kleinen Heimatstube über historische Mühlen, Gefängnisse oder Zuchthäuser, die zu Gedenkstätten umgewidmet wurden, bis zu Technik- und Industriemuseen wie in Guben, Forst, Glashütte/Baruth, Doberlug-Kirchhain, Velten, Brandenburg an der Havel oder Rüdersdorf. Vor der Wende gab es hier nur zwei Industriemuseen. Das waren das vor 63 Jahren gegründete Weißgerbermuseum in Doberlug-Kirchhain und das inzwischen gut 100 Jahre alte Ofen- und Keramikmuseum in Velten, dessen Sammlung aber zeitweise nach Berlin verlagert worden war.

Locken denn Industriemuseen noch Leute hinterm Ofen vor?
Auf jeden Fall. Industriemuseen sind total beliebt. Es sind die Museen, die immer viele Besucher anziehen. Auch im Brandenburgischen Textilmuseum Forst/Lausitz sind die Besucherzahlen hoch. Sie liegen mit 7000 bis 8000 Besuchern pro Jahr sogar deutlich über dem Landesdurchschnitt, der bei jährlich 5000 Besuchern liegt. Wir hoffen sehr, dass es das Textilmuseum schafft, den lang ersehnten Anbau zu bekommen. Die gesamte Geschichte der Textilindustrie, die Entwicklung der vergangenen 150 Jahre in der Stadt, in Natur und Umwelt, der Grenzlage, all das kann derzeit gar nicht angemessen ausgestellt werden.

Woran liegt das?
Es fehlt einfach am nötigen Platz. Es gab im Jahr 2006 Pläne, in Forst in der ehemaligen Pürschel-Tuchfabrik ein "Neiße-Zentrum für Wissen und Kultur" einzurichten. Dort waren auch 2000 Quadratmeter Museumsfläche vorgesehen. Das wäre super gewesen, aber zur Realisierung ist es nicht gekommen. Ich weiß, dass mehr Platz eine lange, lange wichtige Forderung des Museumsvereins als Träger des Textilmuseums ist und dass die Stadt Forst auch bereit ist, nach ihren Möglichkeiten den Verein dabei zu unterstützen. Museumsverein und Stadt Forst arbeiten wirklich sehr gut zusammen. Das ist es auch wert.

Worauf spielen Sie an?
Forst hat mit dem Brandenburgischen Textilmuseum etwas ganz Besonderes. Die Textilindustrie hat die Stadt extrem geprägt. Das ist etwas, was es so nicht noch einmal gibt. Was es noch gibt, sind andere Textilmuseen. Zum Beispiel in Crimmitschau in Sachsen oder im Ruhrgebiet, in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Aber selten waren Textilindustrie und Stadtentwicklung so eng verwoben wie in Forst. Das angemessen bewahren zu können, ist eine Herausforderung und zugleich ein seltener, großer Schatz.

Mit Susanne Köstering

sprach Beate Möschl