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| 17:09 Uhr

Forschung in Cottbus
Neues Standbein für Landwirte

 Alexandra Retkowski, Professorin an der BTU.
Alexandra Retkowski, Professorin an der BTU. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Die BTU erforscht die Strukturen  der Sozialen Landwirtschaft in der Region. Ein neues Geschäftsfeld. Von Andrea Hilscher

Alexandra Retkowski ist Professorin an der BTU Cottbus-Senftenberg. Ihr Fachgebiet: soziale Dienstleistungen für strukturschwache Regionen. Was genau das heißen kann, wird in ihrem jüngsten Projekt deutlich. Sie hat eine Umfrage zum Stand der Sozialen Landwirtschaft in Berlin und Brandenburg gestartet.

Der Begriff der Sozialen Landwirtschaft hat sich in westlichen Bundesländern schon längst eingebürgert, in Brandenburg dagegen schütteln noch viele Landwirte ratlos mit dem Kopf. Dabei gibt es sie längst auch hier, diese Verknüpfung von bäuerlichen Betrieben mit pädagogischen oder sozialen Projekten.

„Das kann der Hof sein, auf dem Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen einen geschützten Raum finden, in dem sie in ihrem Tempo arbeiten können“, erklärt Alexandra Retkowski. Dazu zählen aber auch Projekte, die ältere Menschen wieder in Kontakt mit Lebenswelten bringen, die sie an ihre Jugendzeiten erinnern. Ebenso gibt es Höfe, auf denen Kinder erfahren können, wie Lebensmittel hergestellt werden und Nutztiere leben.

„Solche Projekte werden in Zukunft sicher an Bedeutung gewinnen“, ist sich die Professorin sicher. In Bayern etwa habe jedes Grundschulkind das Recht, einen Tag im Jahr auf einem Bauernhof zu erleben. „Dort gibt es viele bäuerliche Betriebe, die sich ein festes und zuverlässiges Zusatzeinkommen über derartige Projekte geschaffen haben“, sagt Retkowski. Dazu braucht es neben Fantasie und Eigeninitiative von Landwirten und sozialen Organisationen allerdings auch funktionierende Förderstrukturen und   Netzwerke, die die Finanzierung der neuen Kooperationen absichern.

Für Berlin und Brandenburg hat die BTU Cottbus-Senftenberg in Zusammenarbeit mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Soziale Landwirtschaft eine Bestandserhebung gestartet. Noch bis zum 17. Juli können Betriebe in der Region an einer Online-Befragung teilnehmen. „Mit den Daten gewinnen wir einen Überblick über das, was es bereits an Projekten gibt“, sagt die Wissenschaftlerin. Darüber hinaus werden aber auch Erfahrungen abgefragt, die die Projektpartner gesammelt haben. Daraus wollen die Wissenschaftler Handlungsempfehlungen ableiten, die sie der Politik an die Hand geben können.

Außerdem, so haben Umfragen in anderen Bundesländern gezeigt, fehlt es häufig an fachlicher Unterstützung der Landwirte. „Wenn die Bauern über längere Zeit Leute auf ihrem Hof betreuen, die fachlich nicht so versiert sind, kann es zu Spannungen kommen, die von geschulten Fallmanagern begleitet werden müssen“, so die Forscherin.

„Die Soziale Landwirtschaft kann im aktuellen Strukturwandel ein Baustein sein, um Existenzen abzusichern und neue Betätigungsfelder zu erschließen“, sagt Alexandra Retkowski. Außerdem können viele Landwirte sich gegen die immer größeren Schwankungen bei ihren Ernteerträgen absichern und stabile Zusatzeinkommen generieren.

Interessant, das zeigen Erfahrungen aus Hessen und Bayern, sei Soziale Landwirtschaft auch im Zuge von Hofübernahmen: Junge Unternehmer im Agrarbereich zeigen offenbar großes Interesse an den neuen Möglichkeiten, die sich hier bieten. „Auch in der Bevölkerung wächst der Wunsch, wieder stärker mit der Natur in Kontakt zu kommen“, weiß die Wissenschaftlerin. Der Umgang mit Tieren, der Kontakt zu natürlich erzeugten Lebensmitteln und der Umgang mit Pflanzen und Erde werde immer mehr zu einer wichtigen Ressource, die der eigenen Gesundheit dient.

Die Umfrage soll Grundlagen für künftige Forschungs- und Vernetzungsaktivitäten liefern. Über die Umfrage hinaus sind ein Runder Tisch und im Jahr 2020 eine öffentliche Tagung in Cottbus vorgesehen.

 Alexandra Retkowski, Professorin an der BTU.
Alexandra Retkowski, Professorin an der BTU. FOTO: LR / Hilscher Andrea