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Motocross
Den großen Sportler-Traum fest im Visier

Der zwölfjährige Richard Stephan lebt seit 2013 seine Leidenschaft für Motocross. Es kostet viel Kraft, die 78 Kilogramm schwere Maschine unter voller Kontrolle zu haben.
Der zwölfjährige Richard Stephan lebt seit 2013 seine Leidenschaft für Motocross. Es kostet viel Kraft, die 78 Kilogramm schwere Maschine unter voller Kontrolle zu haben. FOTO: Winfried Kastler/privat
Großräschen/Finsterwalde. Richard Stephan (12) träumt davon, Deutscher Meister im Motocross zu werden. Seine Familie und er müssen dafür Hürden auf und neben der Strecke überwinden. Von Josephine Japke

Ferien in Brandenburg. Tausende Familien verbringen die kalten Tage im Winterurlaub oder im warmen Süden. Auch die Finsterwalder Familie Stephan ist mit gepackten Sachen und Wohnwagen nach Italien aufgebrochen. Allerdings nicht zum Entspannen, sondern ins Motocross-Trainingslager ihres zwölfjährigen Sohnes Richard. „Man kann schon sagen, dass wir 20 Kurzurlaube im Jahr machen. Eben immer dorthin, wo das nächste Rennen ist“, erklärt Wolfgang Stephan. 20 000 Kilometer im Jahr, um nach Stuttgart, Schleswig-Holstein und an die holländische Grenze zu kommen, legen sie dabei zurück. Alles für Richards Hobby. „Bei all dem Aufwand ist das eigentlich kein Hobby mehr. Ich bin Motocross-Fahrer und betreibe das so professionell es mir eben möglich ist“, erklärt Richard. Einfach ist das nicht, denn für den ambitionierten Jung-Sportler gibt es kaum Trainingsmöglichkeiten. Ein schwieriges Thema ist auch die Sponsorensuche. Denn die einschlägigen Sponsoren für Helme, Handschuhe und Ausrüstung kriegen im Jahr Tausende Anfragen aus ganz Deutschland. Einzige Möglichkeit vorerst: selbst finanzieren.

Schwierig ist es für Richard auch, seine Leidenschaft seinen Mitschülern in Finsterwalde zu erklären. Viele verstehen nicht, wie anstrengend Motocross fahren ist und glauben, dass es das gleiche wäre wie Fahrradfahren. „So schwer ist das doch nicht“, kriegt die Familie häufig zu hören. Doch dass das Gegenteil der Fall ist, wird beim Blick auf Richards Wochenplan deutlich: „Montag und Mittwoch gehe ich zum Fitness, Dienstag zum Schwimmen, Donnerstag habe ich mal Pause, Freitag fahre ich Fahrrad auf der Rolle, Samstag und Sonntag habe ich Motocross-Training auf der Strecke und gehe zusätzlich laufen und Fahrrad fahren“, zählt Richard auf.

Richard Stephan wird in unregelmäßigen Abständen auch vom dreimaligen Deutschen Motocross-Meister der Open-Klasse Christian Brockel (rechts) trainiert. Gemeinsam machen sie Sektionstraining, schauen sich also für bestimmte Streckenabschnitte die gesamte Körperhaltung von Kopf bis Fuß und die Technik an und messen die Zeit.
Richard Stephan wird in unregelmäßigen Abständen auch vom dreimaligen Deutschen Motocross-Meister der Open-Klasse Christian Brockel (rechts) trainiert. Gemeinsam machen sie Sektionstraining, schauen sich also für bestimmte Streckenabschnitte die gesamte Körperhaltung von Kopf bis Fuß und die Technik an und messen die Zeit. FOTO: Winfried Kastler/privat

Wie wichtig dieses Training ist, weiß Stephan Huber vom Fitnessbahnhof Großräschen, wo die ganze Familie zweimal in der Woche zum Sport geht. „Wenn man erfolgreich sein will, muss man 25 Minuten lang 100 Prozent geben. Da muss Richard körperlich topfit sein“, erklärt der Fitness-Experte. Vor allem Kraft, Rumpfstabilität und Kondition müssen sie trainieren, damit Richard die 78 Kilogramm schwere Maschine unter Kontrolle hat.

Doch bei aller Liebe zum Sport gibt es eben auch Phasen im Leben des Zwölfjährigen, in denen er einfach keine Lust hat. Aber kneifen ist nicht, dafür sorgt sein 14-jähriger Bruder Willy. „Er treibt mich an und hilft mir, wo er kann“, sagt Richard und schaut durch die Runde seiner Familie. Ohne die wäre das Ganze nämlich nicht möglich. „Mama ist die Organisatorin, Papa ist Schrauber und Busfahrer und Willy mein Antreiber und Manager“, erklärt er.

Der zwölfjährige Richard Stephan aus Finsterwalde nahm 2014 an seinem ersten Motocross-Rennen teil. Zwei Jahre später wurde er Zweiter in der Sachsen-Meisterschaft seiner Klasse.
Der zwölfjährige Richard Stephan aus Finsterwalde nahm 2014 an seinem ersten Motocross-Rennen teil. Zwei Jahre später wurde er Zweiter in der Sachsen-Meisterschaft seiner Klasse. FOTO: Winfried Kastler/privat

Denn so wichtig Motocross auch ist, Familie ist wichtiger. „Wenn wir daran keinen Spaß hätten oder Willy auf den ganzen Trubel keine Lust mehr hätte, wäre das Projekt vorbei“, meint auch Vater Wolfgang Stephan. Denn das ganze Leben der Familie richtet sich nach dem Motocross. Die Eltern müssen sich im Sommer häufig auf der Arbeit frei nehmen, um dem Renn-Plan hinterher zu fahren. Auch die Schule muss die Jungs freistellen, damit das zeitlich klappt. Einen normalen Urlaub in den Schulferien gibt es nicht.

Aber Richard hat einen Traum und den verfolgen die Stephans konsequent: „Ich möchte Deutscher Meister werden, ganz klar“, sagt Richard ambitioniert. Dass dieses Ziel irgendwann sein Leben bestimmen wird, konnte 2013 noch keiner ahnen. Damals guckte er seinem Vater und dessen Freunden beim Motocross zu, bevor er selbst auf einer kleinen Maschine ein paar Runden über Hof und Acker drehte. Zum siebten Geburtstag bekam er dann nicht, wie andere, Spielzeug und Bausteine geschenkt, sondern ein eigenes Motorrad, auf dem er ein Jahr später an seinem ersten Rennen teilnahm. 2016 und 2017 kamen dann die ersten Erfolge: jeweils Zweiter in der Sachsen-Meisterschaft und der Berlin-Brandenburg-Meisterschaft seiner Klasse. Das nächste Ziel: die Qualifikation für den ADAC MX Juniorcup. „Ich trainiere hart, um das zu schaffen“, sagt der Zwölfjährige selbstbewusst.

Mit Kleintransporter, Wohnwagen und zwei Motorrädern im Gepäck macht sich Familie Stephan auf den Weg ins einwöchige Trainingslager nach Italien.
Mit Kleintransporter, Wohnwagen und zwei Motorrädern im Gepäck macht sich Familie Stephan auf den Weg ins einwöchige Trainingslager nach Italien. FOTO: Winfried Kastler/privat

Hartes Training, kaum Freizeit, immer unterwegs. „Das ist zwar aufwendig, aber ich habe mich selbst dafür entschieden und deshalb macht mir das auch Spaß“, sagt Richard. Motocross ist sein Ausgleich. Eine Möglichkeit, sich etwas auszutoben. „Die Geschwindigkeit, die Sprünge und die engen Kurven, dazu die Motorengeräusche – es ist einfach toll, wenn das Adrenalin einsetzt und ich alles um mich herum vergesse“, erklärt er. Die Stimmung neben der Strecke ist ausgelassen, fast wie auf einem Volksfest. „Es ist schön, auch mal Menschen zu treffen, die genauso verrückt sind, wie man selbst“, sagt Vater Wolfgang Stephan.

Während Richard um den Sieg kämpft, putzt Mama Corinna den Wohnwagen. „Anders kann ich mit der Spannung nicht umgehen“, gibt sie zu. Auch Papa Wolfgang steht mit den anderen Vätern am Start und kann vor Aufregung kaum hinsehen. „Eigentlich sind wir immer wieder froh, wenn das Rennen vorbei ist“, sagt er lachend und weiß, dass er nach diesen intensiven Kurzurlauben auch mal richtige Entspannung braucht. In Italien zum Beispiel.

Wolfgang Stephan (rechts) ist Richards Busfahrer und Schrauber, Bruder Willy (links) ist sein Antreiber und Manager. Die ganze Familie unterstützt den jungen Sängerstädter bei seiner Leidenschaft.
Wolfgang Stephan (rechts) ist Richards Busfahrer und Schrauber, Bruder Willy (links) ist sein Antreiber und Manager. Die ganze Familie unterstützt den jungen Sängerstädter bei seiner Leidenschaft. FOTO: Winfried Kastler/privat