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| 12:35 Uhr

LiteraTour
Zwischen Genialität und Lebensuntüchtigkeit

Dr. Walther hatte nach seiner Lesung in Finsterwalde reichlich mit dem Signieren seiner Biographie zu tun.
Dr. Walther hatte nach seiner Lesung in Finsterwalde reichlich mit dem Signieren seiner Biographie zu tun. FOTO: Jürgen Weser
Finsterwalde. Peter Walther hat am Donnerstag im Rahmen der LiteraTour in Finsterwalde eine neue, großartige Fallada-Biographie vorgestellt. Von Jürgen Weser

Zahlreiche Literaturfreunde erlebten am Donnerstag im Finsterwalder Kaufmanns- und Sängermuseum eine Odyssee durch ein dramatisches Leben zwischen Genialität und Lebensuntüchtigkeit. Dr. Peter Walther stellte seine im vergangenen Jahr erschienene Biographie über den Schriftsteller Hans Fallada vor.

Der Buchautor und Mitarbeiter am Brandenburger Literaturbüro ging gleich zu Beginn der Lesung auf die Frage ein, ob es denn eine neue Biographie über Hans Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen, gebraucht habe. Tom Crepon und Werner Liersch haben zwei großartige Biographien über den außergewöhnlichen Autor geschrieben. Ja, diese Frage habe er sich selbst gestellt, als er das Angebot zum Schreiben der Biographie vom Aufbau-Verlag bekam. Aber bei näherer Beschäftigung wurde klar, in den letzten Jahren ist viel neues Material von ihm und über ihn aufgetaucht. „Die Aufgabe war so reizvoll“, dass er sich dem Menschen, Schriftsteller, chaotischen Lebenskünstler, verzweifelten Lebensflüchter und Selbstzerstörer immer mehr genähert habe und „die Biographie schreiben wollte“. Zum Beispiel sind Akten aus der Berliner und anderen psychiatrischen Anstalten über Fallada aufgetaucht sowie Briefe aus der Nazizeit, die bisher unter Verschluss gehalten worden waren.

Im Wechsel von Vortrag und Lesebeispielen aus der Biographie entwarf Walther das Bild des schon als Kind ungewöhnlichen Jungen mit „gespaltener Persönlichkeit“, veranschaulichte das Trauma durch den von ihm getöteten Freund in einem als Scheinduell getarnten Doppelselbstmordversuch, er führte Ditzen zur Welt der Literatur, zeigte ihn als besessenen Schreiber und manischen Morphinisten und wie „Suse“ Anna Issel ihm als Ehefrau über etliche Jahre Halt geben konnte. Straftaten, Gefängnisaufenthalte, literarische Höhenflüge mit „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ und „Kleiner Mann was nun“, womit er den Nerv der Zeit vor der Machtübernahme durch die NSDAP traf, Verstrickungen während des Dritten Reiches als in Deutschland gebliebener Gegner machte Peter Walther ebenso anschaulich wie die zweijährigen Versuche nach dem Zweiten Weltkrieg, ihn als Kulturikone für die DDR aufzubauen, die durch neuerliche selbstzerstörerische Abhängigkeiten scheitern und 1947 mit dem Tod enden.

Die Lesung konnte das vielschichtige Leben eines Schriftstellers, dessen literarische Bedeutung gerade neu vermessen wird, nur andeuten und machte den Besuchern Lust auf die Lektüre der Walther-Biographie, deren Vorteil und Unterschied zu den bisherigen vor allem darin besteht, dass sie, wie Peter Walther betonte, so authentisch wie möglich durch viele Dokumente, Briefe, Zeitzeugen und eigene Aussagen Falladas wird. Für die Besucher der Lesung wurde auch im Gespräch klar, trotz aller Widersprüchlichkeit: Fallada als Jahrhundertschriftsteller muss neu gelesen werden. Die neu erworbene Biographie unterm Arm machte die Absicht deutlich.