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| 19:31 Uhr

Zwei Gastronomen widersprechen NGG-Gewerkschaft
Zwischen Stoßzeiten und „Dürrephasen“

 Zwei Hoteliers und Restaurantbetreiber in Elbe-Elster befürworten statt einer täglichen Höchstarbeitszeit eine wöchentliche.
Zwei Hoteliers und Restaurantbetreiber in Elbe-Elster befürworten statt einer täglichen Höchstarbeitszeit eine wöchentliche. FOTO: dpa / Patrick Seeger
Elbe-Elster. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten beanstandet zu lange Schichten und zu kurze Ruhzeiten in der Gastronomie. Zwei Hoteliers und Restaurantbetreiber aus Elbe-Elster weisen die Kritik zurück. Von Stephan Meyer

Toi, toi, toi – Iris Schreiber klopft mit den Fingerknöcheln ihrer rechten Hand auf den Tisch. Aktuell sei der „Goldene Hahn“ nicht vom Fachkräftemangel betroffen, teilt sie freudig mit. Zusammen mit ihrem Ehemann Frank betreibt sie das bekannte Hotel und Restaurant in der Bahnhofstraße in Finsterwalde. Mit vier Angestellten und drei Auszubildenden bewältigen sie die Arbeit im „Goldenen Hahn“. Die Befürchtungen der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), dass 13-Stunden-Schichten im Gastgewerbe bald Usus sind, teilt Iris Schreiber nicht. Jüngst berichtete die RUNDSCHAU über die Kritik der Gewerkschaft an Gastronomieunternehmer. Sebastian Riesner, NGG-Geschäftsführer der Region Berlin-Brandenburg, bemängelte, dass Arbeitsschichten in den vergangenen Jahren immer länger und die Erholungszeiten kürzer geworden seien, auch weil Fachkräfte fehlen.

Stabile Übernachtungszahlen

Gute Übernachtungszahlen und steigende Umsätze würden Riesner zufolge zeigen, wie groß der Einsatz der Beschäftigten in der Gastronomie und Hotellerie ist. Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg vermeldete für 2018 238 100 Übernachtungen im Elbe-Elster-Land. 2,3 Prozent weniger als im Vorjahr (243 700 Übernachtungen). Von 2016 zu 2017 gab es hingegen ein Zuwachs von 6,8 Prozent.

Rolf Herkner, der zusammen mit seiner Frau Ute das Hotel Arcus mitsamt Restaurant und Café in Elsterwerda betreibt, ist zufrieden mit dem Gästeaufkommen. Das würde sich seit zwei Jahren positiv entwickeln. Er begründet das unter anderem mit der Arbeit des Tourismusverbands Elbe-Elster. Projekte wie „Kulturschatz-Sucher“, Messeauftritte bei der ITB und bei der Grünen Woche würden gute Werbung für Elbe-Elster machen. Er ist optimistisch, dass das Gästeaufkommen in Zukunft weiter wächst.

„Man merkt, es werden mehr Gäste“, sagt auch Iris Schreiber vom Goldenen Hahn. Auch weil das Hotel inzwischen über Online-Buchungsportale zu finden ist. „Es könnten aber noch mehr Gäste sein.“ Die Gastronomin ist überzeugt: „Wir sind ein eingeschworenes Team“. Ihre Mitarbeiter würden gerne für sie und ihren Mann arbeiten. Zu viele Überstunden gäbe es nicht. „Eher im Gegenteil“, sagt Iris Schreiber ganz offen. Eine ihrer Hotelfrauen kam sogar mit dem Vorschlag auf sie zu, ihre eigenen Arbeitsstunden zu verringern, da eben nicht genug Arbeit anfalle.

Stoßzeiten und Dürrephasen gehören zum Job

„Aber es gibt natürlich auch Tage, da bräuchte ich zwei Mitarbeiter mehr“, weiß die Finsterwalderin. In der Branche gäbe es immer Stoßzeiten. Die Zufriedenheit der Gäste dürfe nicht vernachlässigt werden. Eine Kontinuität beim Gästeaufkommen gäbe es nicht. „Das wäre natürlich schöner, dann könnte ich auch mehr Leute einstellen“, sagt Iris Schreiber. Zum Geschäft gehöre aber auch, dass es mal zu „Dürrephasen“ kommt. Sie weiß, das ist ein großes Problem, dass viele Gastronomen in der Region hätten. In ihrem Kalender konnte die Geschäftsführerin bisher kein Muster ausmachen, wann besonders viele Gäste da sind und wann nicht. Natürlich gäbe es auch Zeiten, wo die Hotelkapazitäten in ganz Finsterwalde nicht ausreichen, wie beispielsweise beim Sängerfest. Manche Spitzen lassen sich hingegen einfach nicht erklären, so die Gastronomin. „Wer in dem Gewerbe arbeitet, der weiß, es gibt Tage da ist viel zu tun und es gibt Tage, da ist wenig zu tun.“ Bei Hochzeiten oder großen Familienfeiern fallen in der Regel immer Überstunden an. Ein fliegender Schichtwechsel gestalte sich schwierig. Der Stundenausgleich erfolge dafür bei ihren Mitarbeitern jedoch noch meist in der gleichen Woche. Solche „Ausreißer“ habe es in der Branche schon immer gegeben und das werde sich auch nicht ändern.

Ähnlich sieht das auch Rolf Herkner. „Momentan sind wir gut besetzt“, sagt der Hotelier und Gastronom. „Aber manchmal haben wir auch Lücken, die wir kompensieren müssen.“ Arbeitstage mit bis zu zehn Arbeitsstunden kämen schon mal vor. Zum Beispiel bei großen Familienfesten mit À-la-carte-Bestellungen. Aber auch er und seine Frau achten darauf, dass die Überstunden zügig abgebaut werden. Die Stundenkonten würden bei ihnen nicht „über den Himmel wachsen“, erklärt er.

Wochen- statt Tageshöchstarbeitszeit

Sebastian Riesner von der NGG Berlin-Brandenburg stört sich auch an der Forderung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), nach einer Änderung des Arbeitszeitgesetzes. „Geht es nach dem Dehoga-Bundesverband, dann sollen 13-Stunden-Arbeitstage bald zum Normalfall werden“, so Riesner. Der Dehoga-Bundesverband macht sich seit 2017 für die Einführung einer Wochenarbeitszeit stark. Iris Schreiber kann die Hysterie darüber nicht nachvollziehen. Sie befürwortet die Dehoga-Idee. Auch ihre Mitarbeiter fänden eine Wochenarbeitszeit gut, versichert sie. Laut dem Branchenverband ist eine tägliche Höchstarbeitszeit von regelmäßig acht, im Ausnahmefall maximal zehn Stunden nicht mehr zeitgemäß. Statt einer täglichen soll eine wöchentliche Höchstarbeitszeit festgelegt werden, fordert der Dehoga-Bundesverband. Dabei gehe es nicht um mehr Arbeit. Arbeitszeiten sollen individuell und flexibel auf die Woche verteilt werden, ohne die Gesamtarbeitszeit zu verlängern.

Auch bei Rolf Herkner findet das Dehoga-Vorhaben Anklang, da es den realen Arbeitsbedingungen im Gastronomiegewerbe am ehesten entspräche.