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Zeitzeugen berichten über 1945

Ausstellung zum Flugwesen auf dem Finsterwalder Markt in den 1930er-Jahren. Dieses Foto und andere Originaldokumente haben die Schüler auf dem Flugplatz Heinrichsruh gesehen.
Ausstellung zum Flugwesen auf dem Finsterwalder Markt in den 1930er-Jahren. Dieses Foto und andere Originaldokumente haben die Schüler auf dem Flugplatz Heinrichsruh gesehen. FOTO: Heike Lehmann
Massen/Finsterwalde. Mit einem offenen Ganztagsprojekt an der Grund- und Oberschule Massen erfahren sechs Schüler der 10. Klasse Geschichte ganz hautnah. Ihr Interesse gilt dem Jahr 1945 und Zeitzeugen, die das Ende des Zweiten Weltkriegs miterlebt haben. Heike Lehmann

Bei Facebook nennen sie sich "The Forensics". Die Spurensicherer Niclas und Marcus Rösler, Ricco Kraus, Julia Friedrich, Tim Wolf und Sandra Bischoff sammeln und sichern Erinnerungen. Fachlich betreut und angeleitet werden sie vom Lehrer Christian Rasemann und der Historikerin Babette Weber. Die Oberschule Massen beteiligt sich damit am brandenburgweiten Projekt des Museumsverbandes "Spurensicherung: 1945". Anlass ist der 70. Jahrestag des Kriegsendes 1945. Jugendliche werden animiert, hierzu lokale Geschichte zu erforschen.

Wer könnte die Zeit vor 70 Jahren besser beschreiben als jene, die sie miterlebt haben? Also haben die sechs Forensics Ausschau gehalten nach Zeitzeugen. Zum Thema "Flucht und Vertreibung" hat ihnen die 90-jährige Anni Jagieniak beeindruckende Erlebnisse geschildert. Sie berichtete den jungen Leuten zwei Stunden über ihre Erinnerungen an die Besetzung des Sudetenlands, den 8. Mai 1945, Vertreibung, Flucht und Neuanfang in Finsterwalde. Die Schüler sagen: "Es war unglaublich, was sie uns berichtete. Frau Jagieniak durchlief mehrere Flüchtlingslager, ehe sie nach Finsterwalde kam. Auch ein Transport in Viehwaggons über Pirna nach Elsterwerda gehörte dazu. Ab 1970 arbeitete sie an unserer Massener Schule als Küchenfrau für 20 Jahre."

Die zweite Gruppe erforscht die Geschichte der Finsterwalder Flugplätze. Mit viel Faktenwissen ausgestattet durch Dr. Matthias Baxmann, der einen Vortrag zur Geschichte des Mitte der 1930er-Jahre errichteten Finsterwalder Fliegerhorstes - heute Lausitz-Flugplatz - hielt, und Wilfried Arlt, Vorsitzender der Flugsportvereinigung "Otto Lilienthal", haben sie sich auf ein zweites Zeitzeugengespräch vorbereitet. Manfred Rasemann, geboren 1928 in Nehesdorf, schilderte unter anderem, wie er in Nehesdorf 1935 die Landung des ersten Flugzeugs beobachtet hat. "Das ist dann noch im Modder stecken geblieben", erinnerte er sich. Aber von da an wollte er selbst fliegen. "Das hat mich nicht mehr losgelassen." Der restaurierte Schulgleiter SG 38 im Flugplatzmuseum erinnerte ihn an diese Zeit. Während der gesamten Schulzeit geprägt durch die nationalsozialistische Ideologie, wurde auch er Mitglied der Hitlerjugend (HJ) und trat schließlich einer Untergruppierung, der Flieger-HJ, bei. Nach dem Kriegsende aber gab er das Fliegen auf. Der Segelflugplatz wurde ab 1954, als das alliierte Flugverbot aufgehoben war, von der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) betrieben. "Ich hatte dann aber eine Abneigung gegen Uniformen", begründete Rasemann, warum er nicht mehr ins Flugzeug stieg.

Die jungen Spurensicherer haben jetzt die mühevolle Phase der Auswertung ihrer Quellen erreicht. Ergebnisse sind bei Facebook eingestellt. Die kompletten Videos der Zeitzeugengespräche werden außerdem im Kreismuseum Finsterwalde gesichert.